Offenburg: Historisch verankerte kommunale Identität in der „Freiheitsstadt“.

Der Vortrag beschäftigt sich mit den Deutungen, die die revolutionären Versammlungen 1847–1849 in Offenburg im Laufe der folgenden 150 Jahre erfahren haben. Der Bogen wird von der sozialdemokratischen Bewertung im Kaiserreich über die Interpretation in der Weimarer Republik, und die Sichtweise in der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu den 150-Jahr-Feierlichkeiten in Offenburg gespannt.

Donnerstag, 27. Juni 2019, 20 Uhr
Mit Prof. Dr. Sylvia Schraut
Offenburg, Salmen, Lange Straße 52
Veranstalter: Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg
Anmeldung erforderlich unter bis 19. Juni 2019
Eintritt frei

Weil, Stefan

Foto: Staatsarchiv FreiburgStefan Weil wurde am 17. Dezember 1923 in Offenburg geboren; er war Einzelkind. Sein Vater betrieb ein Spielwarengeschäft, das er dann nach einigen Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgab. Danach arbeitete er bei der jüdischen Gemeinde als Gemeindediener. Seine Mutter war Hausfrau.

Von 1930 bis 1938 besuchte Stefan Weil die Volksschule, danach wollte er eine Ausbildung zum Elektrotechniker machen. Da dies für ihn als Juden offiziell nicht möglich war, arbeitete er bei der Firma „Elektromotoren R. Scheiermann“ als Hilfsarbeiter. Der Betrieb befand sich in der Reithalle bei der Kaserne. Als die ebenfalls jüdische Unternehmerfamilie Scheiermann Deutschland verlassen musste und den Betrieb an ihren Mitarbeiter Johann Schneider „übergeben“ hatte, entließ dieser Stefan am 21. Juni 1939 aus „rassischen Gründen“.

Der Jugendliche beschloss, nach Frankreich auszuwandern, wo er an der technischen Schule Ecole Violet in Paris eine Ausbildung aufnahm und zwei Klassen besuchte. Als die Deutschen 1941 in Paris einmarschierten, musste er zum zweiten Mal seine Ausbildung unterbrechen und fliehen. Er versteckte sich bei einem Bauern in der südfranzösischen Dordogne, wo er als Landarbeiter half.

Seine Eltern waren am berüchtigten 22. Oktober 1940 von Offenburg nach Gurs deportiert worden. Sein Vater starb dort, doch seiner Mutter gelang es, das Lager zu verlassen. Sie ging zu ihrem Sohn, und 1944 konnten sie gemeinsam nach Spanien entkommen. Noch im gleichen Jahr reisten sie weiter nach Israel. Dort arbeitete Stefan einige Zeit als Landarbeiter in einem Kibbuz und lernte dort 1948 seine Frau Shoshana kennen. 1951 zogen beide zusammen mit Stefans Mutter nach Be’er Sheva, wo er dank seiner technischen Ausbildung in Europa eine Stelle als Ingenieur zur Planung von Wasserleitungen in einem Neubaugebiet erhielt.

1956 stellte er bei der zuständigen Behörde in Freiburg einen Antrag auf Wiedergutmachung und Entschädigung sowie einen zweiten 1960 zur Gewährleistung eines Darlehens über 10.000 DM zur Anschaffung eines Jeeps, um sich beruflich selbständig machen zu können. Beide Anträge wurden positiv beschieden, was damals noch keineswegs selbstverständlich war.

Rund 30 Jahre später besuchte Stefan Weil auf dem Friedhof in Gurs das Grab seines Vaters und nahm dann auch eine Woche später an einer Gedenkveranstaltung in Offenburg teil.

 
Linus Huber
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2015/16

Lederer, Moritz

Moritz Lederer wurde 1883 in Diersburg als Sohn des jüdischen Kaufmanns Hermann Lederer geboren. Er besuchte zunächst die allgemeine Volksschule in seinem Heimatort und anschließend für drei Schuljahre die Bürgerschule im nahen Offenburg. Im jungen Alter von 16 Jahren musste er einen schweren Schicksalsschlag verkraften, als seine Mutter starb.
 
Nach seinem Schulbesuch begann er eine kaufmännische Lehre im Tuchversandgeschäft Freudenstein in Frankfurt am Main. Nach seiner Lehre arbeitete Moritz Lederer, der sich neben seiner Arbeit auch politisch sehr stark für die Sozialdemokraten engagierte, als Tuchhändler in Diersburg. Im Jahre 1912 heiratete er seine Verlobte und ein Jahr später wurde sein Sohn Arnold Lederer geboren. Kurze Zeit später verlegte Moritz Lederer seinen Wohnsitz und sein Geschäft nach  Offenburg in die Badstrasse. Später Zog er in die Hildastrasse 67 (Oststadt) um.
 
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933, wanderte Moritz Lederer mit seiner Familie ins nahe gelegene Straßburg aus, wo er seine Familie durch den Verkauf des
Hausrates und mit Unterstützung seiner Tante ernährte. Als er im Oktober 1934 die so genannte Gewerbelegitimationskarte erhielt, war Moritz Lederer sogar berechtigt, wieder zu
arbeiten und die allgemeine Lage der Familie verbesserte sich ein wenig.
 
Während des Krieges lebte die Familie jedoch in der Dordogne (Südwestfrankreich), wo sie sich mit dem Ertrag eines Pachtfeldes und der landwirtschaftlichen Arbeit der Frau „über Wasser hielt“. Nach Kriegsende, im Herbst 1945,  kehrten die Lederers schließlich nach Straßburg zurück.
 

Niko Stäger
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2007

Cohn, Esther, Myriam & Eva

Foto: Staatsarchiv Freiburg

Esther Cohn

In den Lebensläufen der drei Cohn-Schwestern Esther, Myriam und Eva spiegeln sich, wie bei so vielen jüdischen Familien, die mörderischen und für die Familien tragisch endenden Zeitumstände im nationalsozialistischen Deutschland wieder: Die älteste, Esther, geboren am 18. September 1926, wurde in einem Vernichtungslager umgebracht; die zweite Schwester Myriam, geboren am 16. Januar 1929, gelangte nach ihrer Entlassung aus dem französischen Internierungslager Rivesaltes über die Schweiz nach England und schließlich in die USA; die jüngste, Eva, geboren am 27. März 1931, die mit ihrer Schwester aus Rivesaltes entlassen wurde, konnte zusammen mit ihr zu dem in London lebenden Vater reisen. Sie heiratete dort und lebt noch heute in der englischen Hauptstadt. Die Mutter der drei Mädchen wurde im KZ Auschwitz ermordet.
 

Foto: Staatsarchiv Freiburg

Myriam Cohn

Die drei Schwestern waren die Kinder von Eduard Cohn und seiner Frau Sylvia, einer geborenen Offenburgerin aus der Familie Oberbrunner. Vater Cohn betrieb einen Weinhandel sowie eine Branntweinbrennerei; nach Aufgabe der Selbständigkeit arbeitete er in den 1930er Jahren als Handelsvertreter.
 
Am Tag nach der Reichspogromnacht, am 10.  November 1938, wurde Eduard festgenommen und im KZ Dachau für sechs Wochen inhaftiert. Mit dem Versprechen, dass er Deutschland verlassen würde, wurde er im Dezember 1938 entlassen. Eine Auswanderung stellte die Familie vor eine große Herausforderung, da drei halbwüchsige Kinder vorhanden waren und die Tochter Esther seit 1931 an Kinderlähmung litt. Im Juni 1939 verließ der Vater seine Familie und reiste nach England, um die Auswanderung vorzubereiten.
 

Foto: Staatsarchiv Freiburg

Eva Cohn

Währenddessen gingen die Kinder unter der Woche zwangsweise nach Freiburg in eine jüdische Schule. Mittlerweile war nämlich den jüdischen Schülerinnen und Schülern von den Nazis per Gesetz untersagt worden, die normale öffentliche Schule zu besuchen. Die Cohn-Schwestern lebten dort bei einer Pflegefamilie und kamen nur am Wochenende nach Hause. Als der Zweite Weltkrieg begann, wurde die Mutter mit den Kindern nach München evakuiert. Dort lebte sie mit Eva und Myriam in einem kleinen Zimmer am Stadtrand. Esther hingegen war wegen ihrer Erkrankung im jüdischen Kinderheim in der Antonienstraße untergebracht, weil der Schulweg für sie sonst zu beschwerlich gewesen wäre. 1940 zog die Mutter mit Myriam und Eva nach Offenburg zurück, da wegen des deutschen „Blitzkriegs“ von der französischen Streitmacht nichts zu befürchten war. Die beiden Kinder gingen erneut in Freiburg in die Schule. Esther hingegen blieb in München. Sie besuchte dort die jüdische Schule und machte einen so glänzenden Abschluss, dass sie auf der Entlassfeier die Rede halten durfte. Von einem kurzen Ferienaufenthalt abgesehen sollte sie ihre Familie nie wiedersehen: Über das KZ Theresienstadt, wohin sie 1942 transportiert wurde, deportierten die Nazis sie im Oktober 1944 „in den Osten“. Seither fehlt von ihr jede Spur. Nach dem Krieg legte das Amtsgericht Offenburg ihren Sterbetag auf den 8. Mai 1945 fest, den Tag der Kapitulation Nazi-Deutschlands.
 
Am berüchtigten 22. Oktober 1940, als in ganz Baden die Juden von den Nazis zusammengetrieben wurden, wurde Mutter Sylvia Cohn von Offenburg aus, Myriam und Eva von Freiburg aus nach Gurs deportiert. Hier fanden sie sich wieder. In dem Lager lebten sie unter sehr schlechten Umständen. Sie mussten hungern und erkrankten an der Ruhr. Abgemagert wurden sie 1941 in ein anderes Lager nach Rivesaltes verlegt, wo sie sich eine Gelbsucht zuzogen. In Rivesaltes gelang es Mutter Cohn, für ihre beiden Töchter im April 1943 einen Platz in einem jüdischen Kinderheim zu organisieren, von wo aus die jüdische Hilfsorganisation „Oeuvre de Secours aux Enfants“ die beiden jungen Mädchen – Myriam war dreizehn Jahre alt, Eva elf – in ein Kinderheim  bei Ascona in der Schweiz vermittelte. Dort erlebten die Kinder das Kriegsende.
 
Mit dem Vater, der während des Kriegs britischer Soldat geworden war, hielten die Töchter weiterhin Kontakt. Schließlich bekamen sie eine Einreisebewilligung nach England. Nach vielen Jahren des Hoffens und Bangens  trafen die beiden Cohn-Schwestern ihren Vater wieder und versuchten in der Folge, ein „normales“ Familienleben zu führen. Die Kinder mussten Englisch lernen, um die Schule besuchen zu können. Dies erschien zunächst schwierig, da ihre Schulbildung im Vergleich zu der ihrer englischen Klassenkameraden sehr viel schlechter war. Eva hatte jedoch weniger Schwierigkeiten als ihre Schwester, da sie sehr sprachbegabt war; neben Deutsch und Englisch sprach sie bald Französisch und Italienisch und beschloss am Ende der Schulzeit, ins Hotelfach zu gehen. 1954 heiratete sie den deutschen Juden Wolfgang Mendelsson, dem es kurz vor Kriegsbeginn gelungen war, aus Breslau nach England zu entkommen. Die beiden bekamen drei Kinder. Eines ist verheiratet und lebt in Israel, das andere hat in Jerusalem studiert, und das jüngste lebt in England. In Ihrer neuen Heimat London widmete sich Eva der Textilkunst, anfangs aus der Notwendigkeit heraus, sich einen Zuverdienst zu schaffen. Später entstanden daraus immer mehr künstlerische Arbeiten. Bis heute besucht sie immer wieder Offenburger Schulen, um den heutigen Schülern vom Schicksal ihrer Familie zu erzählen. Ihre Schwester Myriam ließ sich in England zur Sekretärin ausbilden, heiratete 1955 und zog nach Amerika. Sie bekam 2 Kinder und starb am 7. Oktober 1974 in New York.
 
 
Nurten Karakurt & Verena Kiefer
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2015/16

Schnurmann, Rosa (geb. Valfer)

Foto: Staatsarchiv FreiburgRosa Schnurmann wurde am 1. Juni 1879 in Offenburg als Tochter des Kaufmanns Isaak Valfer und seiner Ehefrau Hannchen geboren.
 
Es ist anzunehmen, dass sie nach dem Schulbesuch im elterlichen Haushalt sowie im Geschäft des Vaters mithalf. Ihre Eltern führten in der Hauptstraße 73 einen Schuhladen, der 1869 von Isaak Valfer eröffnet worden war. Nach ihrer 1902 geschlossenen Ehe mit Elias Schnurmann, der wohl schon zuvor im elterlichen Geschäft mitwirkte, bekam Rosa in rascher Folge drei Kinder, Elsa, geboren am 11. Mai 1903, Berta, geboren am 25. Juli 1905 und Siegfried, geboren am 3. August 1907.
 
Gleich nach ihrer Machtübertragung am 30. Januar 1933 propagierten die Nazis: „Kauft nicht bei den Juden!“. Diesen Satz mussten sich die Schnurmanns oft anhören und litten sehr darunter. Auch vor ihrem Schuhladen postierten sich am Samstag, den 1. April 1933, dem sogenannten Tag des Reichsboykotts jüdischer Geschäfte, Wachen der Nazis.
 
Nach der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wurde Rosas Ehemann, wie alle jüdischen Männer in Offenburg, die älter als 16 Jahre waren, im KZ Dachau inhaftiert. Nach seiner Freilassung  einen Monat später im Dezember unternahm die Familie die nötigen Schritte, um so schnell wie möglich Deutschland zu verlassen. Ihr Haus und das gemeinsam betriebene Schuhgeschäft musste das Ehepaar dabei weit unter dem eigentlichen Wert verkaufen.
 
Elias und Rosa Schnurmann entschieden sich, nach Luxemburg zu gehen in der Hoffnung, dort vor den Nazis und ihrer Verfolgung sicher zu sein. Doch als die deutschen Truppen in das Großherzogtum einmarschierten, zerschlug sich diese Hoffnung. Bald mussten auch die Juden in Luxemburg den gelben Stern tragen. Am 6. April 1943 wurden die Eheleute in das „Vorzeige“-KZ Theresienstadt deportiert. Wie schlecht es ihnen dort erging, lässt sich nur vermuten. Elias Schnurmann starb am 2. Mai 1943 im Alter von 74 Jahren. Rosa berichtete ihrem Sohn Siegfried vom Tod seines Vaters mit einer Postkarte. Sie selbst starb am 29. März 1944 ebenfalls in Theresienstadt im Alter von 64 Jahren.
 
 
Lea Wolf
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2015/16

Bloch, Elsa Franziska (geb. Hirsch)

Foto: PrivatbesitzElsa Franziska Bloch wurde am 7. März 1890 als einzige Tochter des Kaufmanns Salomon Hirsch und Berta Hirsch geb. Mayer in Mannheim geboren. Ihr Vater verstarb 1907, ihre Mutter 1912. Sie hatte eine recht unbeschwerte Jugend, wie sie es später selbst in einem Brief an ihre Cousine ausdrückte.

Am 19. August 1909 heiratete Elsa bei einer standesamtlichen Trauung in Mannheim Isidor Bloch. 1919 zogen sie nach Offenburg, wo Isidor Inhaber der Essigfabrik Pfaff war. Elsa und Isidor waren vom 20.01.1919 bis zum 01.04.1937 polizeilich in Offenburg gemeldet. Sie bekamen zwei Söhne: Hans, 1917 geboren, und Werner, 1920 geboren. 1928 zogen sie von der Friedrichstraße 7 in die Augustastraße 3 in Offenburg. Zunächst lebten sie gut von dem Geld, das Isidor verdiente. Als die antijüdischen Verordnungen der Nationalsozialisten das Leben der Juden immer mehr einschränkten, musste Isidor die Essigfabrik aufgeben, die Familie hatte kein Einkommen mehr. Um der Armut zu entkommen, eröffnete Elsa am 15.07.1936 das „Café Restaurant Bloch“ in einem Teil ihrer Wohnung. Kurz vor der Eröffnung wurde ein Einwand einer Nachbarin erhoben. Sie beklagte, dass das Nachbarhaus, in dem sie lebte, durch das jüdische Café nebenan deutlich an Wert verliere. Außerdem könne sie die leerstehenden Wohnungen ihres Hauses „wegen der vielen Juden“ nicht mehr vermieten. Diese Klage wurde jedoch von der Stadt Offenburg abgelehnt, das Café wurde eröffnet. Es diente ca. ein Jahr als einziger halböffentlicher Treffpunkt für die Offenburger Juden, da sie zu diesem Zeitpunkt keinen Zutritt mehr zu Gaststätten hatten, die von Nichtjuden geführt wurden.   

Elsa sah trotz des Cafés, das gut besucht war, keine Zukunft mehr in Deutschland. Die Familie beschloss, in die USA auszuwandern. Es lebten bereits einige Verwandte von Elsa in den USA, in Pittsburgh und New York. Die Familie entschied sich für Pittsburgh. Zuerst schickten sie die beiden Söhne in die USA. Am 19.07.1936 reisten sie zuerst nach Paris, dann nach Cherbourg. Von dort aus machten sie sich mit dem Schiff auf die Reise nach New York, wo sie am 07.09.1936 ankamen und von dort weiter nach Pittsburgh zu den Verwandten reisten.

Elsa und ihr Mann wanderten erst am 01.04.1937 über Straßburg nach Pittsburgh aus, da sie Probleme damit hatten, Reisepass und Auswanderungsgenehmigung zu erlangen. Zunächst schien es kein Problem zu geben, doch dann wurde von der Sparkasse festgestellt, dass Isidor noch einige Schulden aus der Zeit seiner Essigfabrik hatte. Nach längeren Untersuchungen ergab sich, dass Verwandte aufkommen sollten und sie ausreisen konnten. Die Familie lebte sich schließlich gut in Pittsburgh ein.

1957 stellte Elsa Bloch einen Antrag auf Wiedergutmachung an Deutschland. Sie erläuterte darin, dass sie verfolgt wurde und ihr die selbstständige Existenz mit dem Café genommen wurde, außerdem forderte sie die Kosten für die Reise in die USA zurück. Ihr wurden schließlich 191,60 DM rückerstattet, die Kosten der verfolgungsbedingten Auswanderung.

Elsa verstarb am 27.07.1971 in Pittsburgh. Es ist bekannt, dass ihr Sohn Werner 1988 noch einmal nach Offenburg zurückkehrte. Außerdem hatte Elsa fünf Enkel, zwei von Hans, wohnhaft in Pennsylvania und drei von Werner, wohnhaft in Houston, Pittsburgh und Hawaii.

 
Katharina Verstraten
Gedenkbuch Salmen (Offenburg), 2011/12

Weil, Max & Paula (Loeb)

Foto: Staatsarchiv FreiburgMax Weil wurde am 25. April 1879 in Offenburg als Sohn von Elias Weil und Frederike Weil, geb. Willstätter, geboren. Sein Vater Elias war 30 Jahre lang Wirt des Gasthauses zur ,,Alten Pfalz“; später führte er ein Hotel in Wildbad, dem heutigen Bad Wildbach. Der Gastronom war Mitglied des angesehenen ,,Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, dem auch Max beitreten sollte.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete der junge Mann vor dem Ersten Weltkrieg unter anderem für einige Zeit für die Offenburger Zigarettenfabrik Simon Fetterer. Als der Inhaber während des Krieges starb, gab seine Ehefrau das Unternehmen auf.

Mitte der 1920er Jahre trat Max in die Fußspuren seines Vaters und wurde Gastronom: Von 1925 bis 1926 leitete er in Offenburg die Wirtschaft „Zur Kopfhalle“. Kurz darauf zog er nach Rastatt und führte dort 2 Jahre lang das Gasthaus ,,3 Könige“.

Als er im Jahr 1928 nach Offenburg zurückkehrte, verdiente er für sich und seine Familie als Geschäftsführer des Lokals ,,Schwarzwälder Hof“ den Unterhalt, ehe er anfangs der dreißiger Jahre als Lagerverwalter zu den bekannten ,,Aetz- und Emaillierwerken C. Robert Dold“ wechselte. Der Grund dafür dürfte mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu tun haben: Wahrscheinlich warf das Gastronomie-Gewerbe zu wenig Gewinn ab.

Foto: Staatsarchiv FreiburgNoch in Rastatt, im Oktober 1925, hatte Max Weil seine Paula Bella, geborene Loeb aus Muggensturm, geheiratet. Ein Jahr später kam ihr einziger Sohn Erich Elias zur Welt, der sich später,  nachdem ihm die Flucht in die USA gelungen war, Eric nennen sollte.

Zum 1. April 1935 wurde Max Weil wegen seiner jüdischen Abstammung ohne jegliche Entschädigung bei den Aetz- und Emaillierwerken fristlos gekündigt. Bis 1937 war er notgedrungen arbeitslos und die Familie lebte vom Ersparten.

Dann eröffnete er in der Blumenstraße 3 eine jüdische Gaststätte. Das Lokal, eigentlich ein Café, war in drei Zimmern der Weilschen Privatwohnung untergebracht. Binnen kurzer Zeit avancierte es zum Treffpunkt der Offenburger Juden. In der Reichspogromnacht 1938 wurde das Lokal von einem Trupp Nationalsozialisten überfallen und zerstört. Nicht nur die Einrichtungsgegenstände wurden zerstört, sondern auch die Wein- und Likörflaschen zerbrochen oder der Inhalt ,,konsumiert“. Der so entstandene Schaden musste von Max aufgrund eines Erlasses der Nazis ersetzt werden. Dies betraf alle jüdischen Geschäftsinhaber, deren Läden geplündert worden waren. Danach wurde er gezwungen, seine Gaststätte wieder zu eröffnen, was Anfang 1939 geschah. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs konnte Max dann sein Lokal endgültig schließen, da er kaum noch Einnahmen hatte.

Am 22. Oktober 1940 wurde die Familie Weil von SS-Leuten aus dem Bett geklingelt und gezwungen, ihre Sachen innerhalb einer Stunde zu packen. Sie durften nur 100 Reichsmark, Essen für mehrere Tage und maximal einen Koffer pro Person mitnehmen. Zusammen mit den anderen Offenburger Juden sperrte man sie in den Schillersaal, trieb sie am Folgetag zum Bahnhof und deportierte sie nach Gurs in Südfrankreich. Dort lebte die Familie unter menschenunwürdigen Bedingungen, bis sie im März 1941 in das Internierungslager Rivesaltes verbracht wurden. Im September desselben Jahres verstarb dort Max Weil. Seine Frau Paula wurde am 14. August 1942 über das Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert und wahrscheinlich gleich nach ihrer Ankunft dort in der Gaskammer umgebracht. Das Amtsgericht Offenburg legte ihren Todestag auf den 8. Mai 1945 fest. Es handelt sich um den Tag, an dem das Deutsche Reich kapitulierte, weshalb er für alle Verschollenen als Todestag festgelegt wurde.

 

                       

 

 

 

 

 

 

 

Anika Kliem

Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2015/16

Schnurmann, Elias

Foto: Staatsarchiv FreiburgElias Schnurmann wurde am 9. Oktober 1868 geboren. Von Beruf war er Kaufmann.
Über die Kindheit von Elias ist wenig bekannt und auch über seine Schulzeit liegen keine Dokumente mehr vor, jedoch ist anzunehmen, dass er auf die Gewerbeschule hier in Offenburg ging.

Elias heiratete 1902 die 1879 geborene Rosa Valfer, die Tochter von Isaak und Hannchen Valfer. Sie wohnten zusammen mit ihren drei Kindern  Elsa, geboren 1903, Berta , geboren 1904 und Siegfried, geboren 1907, in der Wohnung über dem Schuhgeschäft der Schwiegereltern in der Hauptstraße 73. Der Schwiegervater hatte das Schuhgeschäft ,,s’Valfer’s Eck”, welches Elias und Rosa später übernahmen und weiterführten, 1869 gegründet. Die Geschäfte liefen gut, da Valfers und später Schnurmanns gute Ware zu korrekten Preisen anboten. Als angesehener Geschäftsmann gehörte Elias dem Synagogenrat der Israelitischen Gemeinde an.  Nach 1933, als auch vor ihrem Laden Nazis standen, um die Kunden vom Betreten abzuhalten, verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Schnurmanns Jahr für Jahr.

Am 10. November 1938, nach der Reichpogromnacht, wurde Elias wie alle jüdischen Männer Offenburgs über 16 Jahren in das KZ Dachau deportiert und durfte erst einen Monat später zu seiner Familie zurückkehren. Es lag auf der Hand, dass die Schnurmanns nicht länger in Deutschland bleiben konnten. Sie verkauften 1939 das Haus weit unter Wert und reisten noch im selben Jahr nach Luxemburg, da sie dachten, dass der Nationalsozialismus sie dort nicht erreichen würde. Als auch hier 1940 deutsche Truppen einmarschierten, begann erneut eine Zeit der Schikanen und Demütigungen – ab 1941 mussten auch die Juden in Luxemburg den gelben Stern tragen. Im April 1943 wurden Elias Schnurmann und seine Frau in das „Muster-KZ“ Theresienstadt deportiert, wo Elias wenige Wochen später, am 2. Mai 1943, starb. Die Todesursache ist unbekannt. Seine Frau teilte den Tod ihres Mannes ihrem Sohn Siegfried, der zu dieser Zeit in Dänemark lebte, auf einer Postkarte mit, anscheinend ihr letztes Lebenszeichen. Rosa Schnurmann starb in Theresienstadt ein knappes Jahr nach ihrem Mann am 29. März 1944. Die drei Kinder Berta, Elsa und Siegfried überlebten die Naziherrschaft.

 
Michelle Dechandt
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2015/16

Schnurmann, Berta (Bertel)

Foto: Staatsarchiv FreiburgBerta Schnurmann wurde am 25. Juli 1904 in Offenburg geboren. Sie hatte zwei Geschwister, einen Bruder namens Siegfried und eine Schwester namens Elsa.
 
Nach dem Besuch des Lyzeums bis zur 10. Klasse und zwei Jahren Handelsschule in Offenburg ging sie noch ein weiteres Jahr auf die Haushaltsschule in Frankfurt am Main. Danach kehrte sie nach Offenburg zurück, um daheim den Haushalt zu führen.
 
Ihre Eltern besaßen ein Schuhgeschäft in der Hauptstraße 73, das 1869 von Isaak Valfer und seiner Frau Hannchen gegründet worden war. Diese vererbten es ihrer einzigen Tochter Rosa, der Mutter von Berta, die es dann mit ihrem Mann Elias Schnurmann führte.
 
Nachdem Bertas Vater nach der Reichspogromnacht 1938 für einen Monat im KZ Dachau inhaftiert worden war, entschlossen sich ihre Eltern nach seiner Rückkehr, auszuwandern.1939 verkaufte der Vater Geschäft wie Haus weit unter Wert. Die Eltern und die Schwester emigrierten nach Luxemburg in der Hoffnung, dort vor den Nazis in Sicherheit zu sein.
 
Berta blieb in Deutschland zurück. Wohl auf Anregung und Vermittlung ihres Bruders Siegfried, der damals schon in Schweden lebte, begab sie sich auf das zionistische Lehrgut Neuendorf bei Fürstenwalde. Hier wie auf einigen anderen Lehrgütern in Deutschland wurden junge Juden und Jüdinnen mit Duldung der Nazis noch bis 1941 in praktischer Landwirtschaftslehre unterrichtet. Man nahm sie in Neuendorf auf, obwohl es eine Altersgrenze gab und Berta darüber lag.
 
In den ersten Tagen des Jahres 1940 reiste Berta mit einer der letzten Gruppen aus Deutschland aus und wanderte auf abenteuerlichen Wegen über Österreich, Rumänien und die Türkei illegal nach Palästina ein. Der spätere Staat Israel wurde damals von den Engländern im Auftrag des Völkerbunds als Mandat verwaltet. Die Engländer ließen jüdische Einwanderer immer nur mit Zertifikat ins Land und Bertas Gruppe reiste in ihren Augen illegal. Im Hafen von Haifa wurde sie daher festgenommen und mit anderen „Illegalen“ auf dem Schiff „Patria“ festgesetzt. Bevor es jedoch zur Insel Mauritius auslaufen konnte, wohin die Menschen deportiert werden sollten, ereignete sich am 20. November 1940 eine Explosion. Dafür hatte eine jüdische Untergrundbewegung gesorgt, um die Deportation zu verhindern. Das Schiff sank schnell. Über 250 Menschen kamen ums Leben, doch Berta konnte sich retten. Mit anderen Überlebenden wurde sie dann in das Gefangenenlager Atlith gesteckt. Als sie eine Gelbsucht bekam, entließ man sie schleunigst. Zunächst trat sie in einen Kibbuz ein, in dem eine Cousine lebte, danach wechselte sie in einen anderen Kibbuz. Hier wurde ihr allerdings nach kurzer Zeit gesagt, dass sie kein Mitglied werden könne, weil sie schlicht zu alt sei. Berta ging nach Tel Aviv und fand dort schließlich Arbeit als Dienstmädchen und Hausangestellte.
 
In späteren Jahren besuchte sie öfter ihren Bruder, der mittlerweile wieder in Offenburg und in Freiburg lebte. Bei einem der Besuche ist sie dann am 5. Oktober 1982 in Freiburg verstorben und wurde auf dem dortigen jüdischen Friedhof beerdigt.
 
 
Erika Krajs
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2015/16