Emmendingen: Veranstaltungen zum Europäischer Tag der jüdischen Kultur

In diesem Jahr jährt sich der Europäische Tag der jüdischen Kultur zum 20. Mal. Der Verein für jüdische Geschichte und Kultur Emmendingen e.V. und die Jüdische Gemeinde Emmendingen K.d.ö.R. bieten mit freundlicher Unterstützung durch den Fachbereich Kultur der Stadt Emmendingen wieder zahlreiche Veranstaltungen an: „Gefilte Fisch oder Couscous – Aschkenasim und Sfaradim“: ETJK2019_Flyer_Entwurf

11 – 18 Uhr
Tag der offenen Tür im Jüdischen Museum Emmendingen

11.30 Uhr
Vortrag und Gespräch mit Rabbiner Yaakov Yosef Yudkowsky
„Gesetze und Bräuche aus rabbinischer Sicht“

14 Uhr
Führung durch das Jüdische Museum mit Noemi Wertheimer und Carola Grasse

15.30 Uhr
Vortrag und Gespräch mit Monika Rachel Raija Miklis, M.A., Kuratorin des Jüdischen Museums und Dozentin am Jüdischen Lehrhaus Emmendingen
„Aschkenasisches und Sefardisches in der jüdischen Buchmalerei“

17:00 Uhr
Vortrag und Gespräch mit Judith Müller, M.A., Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel / Ben Gurion – Universität des Negev
„Sefarad in der literarischen Imagination aschkenasischer Autoren“

Veranstalter: Verein für jüdische Geschichte und Kultur Emmendingen e.V., Jüdische Gemeinde Emmendingen K.d.ö.R.
Jüdischen Museum Emmendingen, Schlossplatz 7
Eintritt frei – Spenden erbeten

12-18 Uhr
Koscherer Wein und Sekt, Kaffee und Kuchen, Challa (Zopfbrot zu den jüdischen Feiertagen)
Simon-Veit-Haus, Kirchstraße 11

14 & 16 Uhr
Führungen durch die Synagoge mit Rabbiner Yaakov Yosef Yudkowsky
Landvogtei 11

Programm der Jüdischen Gemeinde Emmendingen K.d.ö.R.
www.juedgemem.de
Eintritt frei – Spenden erbeten

19:00 Uhr
Konzert mit Asamblea Mediterranea, Stuttgart
Kostina (Klavier), Athina Kontou (Kontrabass) und Karolina Trybala (Gesang)

In Zusammenarbeit mit dem Kulturprogramm des Zentralrates der Juden in Deutschland und dem Fachbereich Kultur der Stadt Emmendingen:
Altes Rathaus, Marktplatz 1, Bürgersaal
Eintritt frei – Spenden erbeten

Sulzburg Ehemalige Synagoge innen

Europäischer Tag der jüdischen Kultur in der ehemaligen Synagoge Sulzburg

Die ehemalige Synagoge Sulzburge ist am europäischen Tag der jüdischen Kultur von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Es werden drei Führungen angeboten, die sich mit der Geschichte der Sulzburger jüdischen Gemeinde von den Anfängen bis zur Auslöschung und mit den Entwicklungen bis heute befassen. Zudem wird die Architektur der Synagogen thematisiert.

Sonntag, 1 September 2019, 14 – 18 Uhr
14.00, 15.00 & 17.00 Uhr: Führungen
Ehemalige Synagoge, Gustav-Weil-Straße 18, 79295 Sulzburg
Eintritt frei

Kippenheim

Kippenheim: Ein Denkmal wird wiederentdeckt – die Ehemalige Synagoge in den 1960er und 70er Jahren. Führung und Gespräch

Am Europäischen Tag der jüdischen Kultur öffnen viele Gedenkstätten und Synagogen ihre Pforten. Der Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim widmet sich an diesem Tag der 1960er und 1970er Jahre. Um 14 Uhr führt Jürgen Stude durch das Synagogengebäude mit Schwerpunkt auf die Zeit nach dem Krieg, als die Kippenheimer Synagoge als Warenlager genutzt wurde und erste Stimmen eine Umwidmung des Gebäudes in eine Gedenkstätte laut wurden. Die Führung schließt mit der Vorführung eines Fernsehbeitrags des Norddeutschen Rundfunk vom 15. November 1965 in der Sendung „Panorama“, der die umstrittene Nutzung des Gebäudes thematisierte. Gegen 15 Uhr folgt ein Gespräch mit dem Kippenheimer Altbürgermeister Bürgermeister Willy Matthis, den Landtagsabgeordneten a. D. Dr. Walter Caroli und Robert Krais, die sich maßgeblich für die Rettung der ehemaligen Synagoge eingesetzt haben. Das Gespräch moderiert der Lahrer Historiker und Stadtarchivar Thorsten Mietzner.

Sonntag, 1. September 2019
14 Uhr Führung mit Jürgen Stude
15 Uhr: Gespräch mit Altbürgermeister Bürgermeister Willy Matthis, den Landtagsabgeordneten a. D. Dr. Walter Caroli &, Robert Krais, Moderation: Thorsten Mietzner (Historiker u. Stadtarchivar, Lahr)
Ehemalige Synagoge Kippenheim, Poststraße 17
Eintritt frei, Spenden erbeten

Kippenheim: Ein Denkmal wird wiederentdeckt – die Ehemalige Synagoge in den 1960er und 70er Jahren

Am Zag des offenen Denkmals widmet sich der Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim der 1960er und 1970er Jahre: Um 14 Uhr führt Jürgen Stude durch das Synagogengebäude mit Schwerpunkt auf die Zeit nach dem Krieg, als die Kippenheimer Synagoge als Warenlager genutzt wurde und erste Stimmen eine Umwidmung des Gebäudes in eine Gedenkstätte laut wurden. Die Führung schließt mit der Vorführung eines Fernsehbeitrags des Norddeutschen Rundfunk vom 15. November 1965 in der Sendung „Panorama“, der die umstrittene Nutzung des Gebäudes thematisierte. Gegen 15 Uhr folgt ein Gespräch mit dem Kippenheimer Altbürgermeister Bürgermeister Willy Matthis, den Landtagsabgeordneten a. D. Dr. Walter Caroli und Robert Krais, die sich maßgeblich für die Rettung der ehemaligen Synagoge eingesetzt haben. Das Gespräch moderiert der Lahrer Historiker und Stadtarchivar Thorsten Mietzner.

Sonntag, 8. September 2019
14 Uhr Führung mit Jürgen Stude
15 Uhr: Gespräch mit Altbürgermeister Bürgermeister Willy Matthis, den Landtagsabgeordneten a. D. Dr. Walter Caroli &, Robert Krais, Moderation: Thorsten Mietzner (Historiker u. Stadtarchivar, Lahr)
Ehemalige Synagoge Kippenheim, Poststraße 17
Eintritt frei, Spenden erbeten

Greilsheimer, Josef und Mirjam (geb. Barth)

Josef Greilsheimer, genannt Herschel Sepp, wurde in Friesenheim geboren, am 27. Mai 1878. Er wohnte in der Hauptstraße 95 und war Viehhändler. Mehrfach wurde mir berichtet, dass er „jedem Armen eine Kuh in den Stall gestellt“ hat, bezahlen konnte er später, wenn durch den Verkauf der Milch Geld ins Haus gekommen ist. Er war der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde Friesenheims.
 
Seine Frau Miriam, geb. Barth, war 14 Jahre jünger als er (geb. 6. Februar 1893). Sie sei eine liebe Frau gewesen, hörte ich oft. Wenn die Kinder für sie etwas eingekauft haben oder ihr Blumen gebracht haben, bekamen sie ein Stück Matzen. Besonders Sumpfdotterblumen mochte sie. Viel Abwechslung gab es für die Kinder damals nicht. Da sind sie gerne zu den Wiesen hinter der Mühle gegangen und haben Blumen gepflückt.

Die Kinder halfen beim Holz reintragen und zündeten am Freitag-Abend und Samstag-Morgen das Feuer im Herd in der Küche und im Ofen in der Stube an, weil es Juden am Schabbat verboten ist, zu arbeiten. Frau Greilsheimer hatte das Papier und das Anmachholz gerichtet, sie brauchten es nur reinstecken und anzünden, wie sie es zuhause auch taten. Eigene Kinder hatten das Ehepaar Greilsheimer nicht.
 
Wahrscheinlich wurde Josef Greilsheimer nach der sogenannten Reichkristallnacht im November 1938 auch verhaftet und nach Dachau in „Schutzhaft“ gebracht. Die Lahrer SS hatte den Befehl alle männlichen Juden festzunehmen. Es ist nur eine Vermutung. Vielleicht war der damals 60jährige auch schon zu krank.
 
Am 22. Oktober 1940 wurden neun in Friesenheim lebenden Juden nach Gurs deportiert. Die Eheleute Greilsheimer blieben als einzige Juden in ihrem Heimatdorf zurück. Das für die Abschiebungsaktion vorbereitete Merkblatt schrieb den ausführenden Beamten vor, „bettlägerige und schwer kranke“ Menschen von der Deportation auszunehmen. Herr Greilsheimer war krank, er lag mit Lungenentzündung im Bett. Seine Frau Mirjam hatte für seine Pflege zu sorgen und konnte deshalb auch in Friesenheim bleiben.
 
Die beiden waren gezwungen, weitere antijüdische Verordnungen und Gesetze mit zu erleben. So mussten sie ab dem 1. September 1941 einen gelben Judenstern an der Kleidung tragen. Ab Oktober 1941 hätten sie nur noch mit schriftlicher Genehmigung Friesenheim verlassen dürfen und das auch nur, ohne öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen.
 
Miriam Greilsheimer fragte manchmal den Nachbarn, Michel Erb, ob sie zu ihnen kommen könnte. Ihr würde daheim die Decke auf den Kopf fallen mit dem kranken Mann und ohne die jüdischen Freunde. Sie durfte gerne kommen. Wenn sie wieder nach Hause gehen wollte, mussten die Kinder erst in die Mühlgasse stehen und schauen, ob niemand unterwegs ist.
 
Am Morgen des 9. April 1942 traf Paula Ernst ihren Nachbarn Josef Greilsheimer in der hinter seinem Haus gelegenen Mühlgasse. Sie wunderte sich nicht, dass er einen Strick in der Hand hatte. Schließlich war er Viehhändler gewesen, da gehörte ein Strick zum Handwerkszeug. Als er gesucht wurde und sie in den Obstplantagen hinter dem Haus nach ihm geschaut hatte, erinnerte sie sich mit einer furchtbaren Vorahnung an den Strick. Josef Greislheimer hatte sich am Vormittag in der Scheune hinter seinem Wohnhaus aufgehängt. Eine Kommission nahm den Fall auf, Schaulustige kamen sofort und der Bezirksarzt kam am nächsten Tag. Josef Greilsheimer wäre im nächsten Monat 64 Jahre alt geworden.

Dem Ehepaar Greilsheimer war einige Tage vor dem Tod von Josef Greilsheimer mitgeteilt worden, dass sie am 26. April 1942 nach Polen gebracht werden sollten. Am Vortag hatte die Sozialarbeiterin Henny Wertheimer im Auftrag der jüdischen Bezirksstelle Baden-Pfalz ihnen noch beim Koffer packen geholfen, sie hatte von Selbstmordabsichten nichts bemerkt.

Wenn man das Ende des Josef Greilsheimer als Freitod bezeichnet (wie im Ortssippenbuch oder im Büchlein von Jürgen Stude) oder gar sagt, er habe den Freitod vorgezogen, entsetzt mich das zutiefst. Hat er gewusst, was ihn erwartet?
 
Seine Frau Miriam musste nun auch noch den Tod ihres Mannes ertragen. Im Memor-Buch zum jüdischen Friedhof Schmieheim heißt es, er sei dort bestattet. Einen Grabstein gibt es nicht. Konnte er nach jüdischen Ritual beerdigt werden?

Am 26. April 1942 wurde Mirjam Greilsheimer nach Stuttgart verbracht und von dort nach Izbica bei Lublin in Polen verschleppt. Damals war sie 46 Jahre alt. Nach dem Krieg wurde sie offiziell als „verschollen“ bezeichnet.
 
 
Brief von Henny Wertheimer an Eisenmann von der jüdischen Bezirksstelle Baden-Pfalz:
„Heute komme ich spät vom Außendienst heim und will trotzdem noch diese Zeilen zur Post bringen. Leider muß ich ihnen eine Hiobsbotschaft melden. Herr Jos. Greilsheimer von Friesenheim hat sich heute Vormittag erhängt. Gestern Nachmittag war ich dorten und packte den Leuten noch die Koffer, aber von Selbstmordabsichten merkte ich nichts bei ihm, er war stark herzleidend. Mein Mann und ich stehen den Leuten nach Kräften bei, es ist nur gut, daß die Mutter jetzt bei ihr ist.
Lieber Herr Doktor, ich habe noch schwere Aufgaben zu bewältigen. Nachdem mir heute das Telegramm vom Tod des Herrn Jos. Greilsheimer nach Schmieheim nachgeschickt wurde, fuhr ich noch abends von Kippenheim nach Friesenheim, mein Mann war schon dort, eine Kommission hatte schon alles aufgenommen. Morgen kommt der Bezirksarzt, es ist alles so schrecklich traurig! Ich bin heute über 20 Kilometer zu Fuß gelaufen und bin todmüde.
 Hoffentlich bekomm ich bald Bescheid von Ihnen wegen der Aufnahme meiner Kranken nach Mannheim. Ich weiß, Herr Doktor, auch sie haben schwere Sorgen und müssen ihren Kopf beisammen halten. Schließlich geht auch dies vorüber, wie alles im Leben, Kosmisches Gesetz!
Mit freundlichen Grüßen Frau Henny Wertheimer 
Ich bitte noch um ein paar Sterne zum Aufnähen an die Kleider“.
 
 
Antje Loleit-Kuhlen
Friesenheim 2004

Dreifuss, Alice (geb, Bloch)

Alice Dreifuss wurde am 3. April 1910 in Altdorf geboren. Sie war Tochter des koscheren Metzgers Leopold Dreifuss und seiner Frau Léonie, die aus dem Elsass stammte. Alice hatte einen Bruder, Siegfried, der später in Straßburg arbeitete. Einige erhaltene Photos, die Alice im Kreise ihrer Freundinnen und in einem Faschingskostüm zeigen, lassen vermuten, dass sie eine fröhliche Kindheit hatte. Alice lebte noch zu Hause, als die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Macht übernahmen. Sie musste am 10. November 1938, dem Pogromtag, miterleben, wie ihr Vater mit den anderen jüdischen Männern Altdorfs abgeholt und für einige Wochen in das Konzentrationslager Dachau verbracht wurde.

Nach seiner Freilassung aus Dachau beschloss die Familie, nach Frankreich zu fliehen, doch nur die Mutter durfte einreisen, da sie geborene Elsässerin war. Es gibt in der Familie eine Überlieferung, dass die Einreise von Alice auch daran gescheitern sein könnte, dass sie sich in früheren Jahren bei einem Aufenthalt in Frankreich als deutsche Patriotin geäußert haben soll. Alice und ihr Vater Leopold erhofften sich nun Schutz durch eine Niederlassung in Berlin, dessen jüdischer Gemeinde 1939 noch etwa 80.000 Menschen angehörten. Sie fanden eine Unterkunft in Berlin-Mitte, unweit der Neuen Synagoge und wohnten zur Untermiete bei der Berliner jüdischen Familie Fischel. Per Briefverkehr hielten Vater und Tochter Kontakt mit der Mutter Léonie und dem Sohn Siegfried. Alice schrieb: „Das Heimweh nach der guten alten Zeit Altdorfer könnt Ihr sicher nachfühlen u. wollen wir zum lieben Gott hoffen, dass er uns noch mal ein ähnliches Dasein in Gesundheit und Frieden erleben lässt. Amen.“

Leopold und Alice wurden aus dem Vermögen einer Verwandten unterstützt, das jedoch durch das Finanzamt in Berlin Moabit eingezogen wurde, als diese auswanderte. Alice musste zu diesem Zeitpunkt bereits Zwangsarbeit bei den Berliner Siemenswerke leisten. Schichtarbeit prägte ihren Tagesablauf, der oft schon morgens um vier Uhr begann. Nach Einschaltung eines Rechtsvertreters gelang es, wenigstens für Leopold die regelmäßige Unterstützung aus dem beschlagnahmten Vermögen erhalten.

Leopold wurde im Juli 1942 in das deutsche Ghetto-Lager Theresienstadt verschleppt. Alice gehörte zu den Zehntausenden jüdischer Zwangsarbeiter, die zunächst weiter in der Industrie und Rüstungsproduktion eingesetzt wurden. Noch vor der systematischen Verhaftungswelle gegen diese Menschen, die im Februar 1943 begann, erhielt Alice die Aufforderung, sich zum Abtransport bereit zu halten. Mit mindestens 1.000, möglicherweise jedoch 1.200 Juden und Jüdinnen aus Berlin bestieg sie am 12. Januar 1943 einen Deportationszug, der nach Auschwitz abging. Nur 127 männliche Verschleppte dieses Transportes erhielten nach den Lagerver-zeich¬nissen eine Tätowierungsnummer. Alle anderen wurden unmittelbar nach Ankunft in den Gaskammern ermordet. Unter ihnen befand auch Alice Dreifuß.

Dr. Uli Baumann
Berlin

Reckendorf, Lilly

Reckendorf Lilly29.August 1889: Cäcilie Reckendorf , genannt Lilly (Lili), kommt als älteste Tochter von Frieda und Dr. Hermann Reckendorf in Heidelberg zur Welt.
 
1904: Als Kind jüdischer Eltern wird sie evangelisch getauft, um zusammen mit ihrem Bruder Otto eine Reise nach Russland antreten zu können , die jedoch nie stattfindet.
 
1907: Sie besucht die höhere Mädchenschule in Freiburg und legt dort das Examen für evangelische Religionslehrerinnen ab.
 
1909: Als erste Lehrerin in Hausen bei Lörrach nimmt sie ihren Dienst auf.
 
Juli 1925: Lilly Reckendorf wird zur Fortbildungshauptschullehrerin an der Mädchenfortbildungsschule Lahr, die der Friedrichschule angegliedert ist, ernannt und unterrichtet dort bis 1933.
 
Januar 1930: Sie nimmt für vier Wochen Dieter Roland bei sich auf, als dessen Vater Otto im Sterben liegt und kümmert sich intensiv um seinen Sohn. Der Kontakt zu Familie Roland hatte Lilly Reckendorf in ihrem Glauben entscheidend geprägt. Otto Roland war evangelischer Pfarrer und in der Jugendarbeit engagiert. Dieter Roland besucht die Luisenschule, wird später Kinderarzt in Lahr und ist der Spender des ersten Stolpersteins in Lahr für Lilly Reckendorf.[1]

7. April 1933: Als „Judenchristin“ fällt sie unter das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und erhält Berufsverbot wegen ihrer jüdischen Abstammung. Sie betrachtet sich selbst als vollwertige Christin und hat mit der jüdischen Bevölkerung wenig Kontakt.

22. April 1933: In ihrer Not wendet sie sich an den emeritierten Kirchenpräsidenten der evangelischen Landeskirche D. K. Wurth, der sich außerstande sieht „aufgrund der Überfremdung unseres Volkes“ [2]ihrem Anliegen zu entsprechen.

September 1933: Ihre Zwangspensionierung wird wirksam. Sie meldet sich in Lahr ab und kehrt in ihre Heimatstadt Freiburg zurück. In der Holbeinstr. 5 bewohnt sie ein Zimmer im Haus von Witwe Lenel und deren Tochter Berta. Beide sind ebenfalls jüdischer Herkunft. Lilly Reckendorfs Wohnung befindet sich unweit ihres Elternhauses in der Maximilianstr. 34.
 
Jahreswechsel 1939/40: Lilly Reckendorf besucht die drei Geschwister Roland in Grötzingen bei Nacht, die kurz zuvor Waisen geworden waren. Ihre Unterstützung bei der Auflösung deren Wohnung ist für lange Zeit ihre letzte Begegnung.

22. Oktober 1940: Zusammen mit über 6500 weiteren Juden aus Baden, dem Saarland und der Pfalz wird sie in das französische Konzentrationslager Gurs deportiert. Sie wird Sprecherin von Baracke 9. Es gelingt ihr, seelsorgerisch tätig zu werden und damit die unerträglichen Zustände des Lagerlebens zu mildern.[3]
Februar 1942: Drei Wochen vor Beginn der Transporte der Internierten in die Lager im Osten kann sie Gurs verlassen und ein Protestantenheim in den Cevennen, nahe der Loirequelle, beziehen. Ihr Weg führt sie in die französischen Alpen. Im  Kloster „Couvent de la Croix“ in Chavanod, Haute Savoye[4]hält sie sich für mehrere Monate auf.

22. Januar 1943: Lilly Reckendorf verlässt das Kloster. Mit Hilfe einer überkonfessionellen Pfadfindergruppe gelingt ihr die abenteuerliche Flucht über die französisch-schweizerische Grenze. Sie findet Zuflucht in der Rheingasse 76 in Basel.

1943-1946: Anhand von Tagebuchaufzeichnungen schreibt sie ihre Erinnerungen nieder und bereitet ihre Rückkehr nach Freiburg vor.

8. Mai 1946: Sie richtet Wiedergutmachungsansprüche Privatpersonen und Behörden betreffend an die Feststellungsbehörde in Freiburg. Diese wickelt erstere nur zögerlich ab.[5]

10. April 1947: Das Badische Ministerium des Innern stellt bei Lilly Reckendorf israelitische Konfession fest. Aufgrund des Reichsbürgergesetzes vom 25. November 1941 habe sie die deutsche Staatsangehörigkeit verloren. Ein Wiederaufleben derselben sei nicht zwangsläufig gegeben. Ihre Wiedergutmachungsansprüche verzögern sich weiterhin.

16. Juni 1948: Lilly Reckendorf verzichtet auf die Rückerstattung ihres zwangsenteigneten Elternhauses in der Maximilianstr. 34, das von Alfred Bea und seiner Frau käuflich erworben worden war. Ihm hatte Lilly Reckendorf von Basel aus Vollmacht erteilt, sie vor Gericht in ihren Wiedergutmachungsansprüchen zu vertreten.

1948: Sie kehrt nach Freiburg zurück und bewohnt eine kleine Wohnung in der Maximilianstr. 30. Für zwei Jahre nimmt sie ihren Beruf als Lehrerin nochmals auf.

4. Januar 1952: Vor der Restitutionskammer des Badischen Landgerichts in Freiburg schließen Lilly Reckendorf und die Eheleute Bea bezüglich des Elternhauses von Lilly Reckendorf eine gütliche Vereinbarung. Lilly Reckendorf erhält 4.400 DM als Abfindung. Weitere Ansprüche, die sie dem Staat gegenüber geltend machte wie ihre Zwangsenteignung, oder Gehaltseinbußen wegen Zwangspensionierung, bleiben weiterhin unbearbeitet.
 
April 1952: Lilly Reckendorf erkrankt schwer und erliegt einem Krebsleiden. Sie findet ihre letzte Ruhestätte im elterlichen Grab, das sich noch heute an der Westmauer des Freiburger Hauptfriedhofs befindet. Pfarrer Krastel, langjähriger Seelsorger der Christusgemeinde Lahr hält die Trauerrede. Zu ihm wie zu Familie Roland und weiteren ihr nahe Stehenden brach der Kontakt zeitlebens nicht ab.
 
 
Gardy Ruder
Initiative Stolpersteine in Lahr

[1]  Bericht in der Badischen Zeitung vom 03.Mai 2003, Ausgabe Ortenau
[2]  Akte Landeskirchliches Archiv, Generalie 3206
[3] „Wir gingen stumm und tränenlos“, veröffentlicht in „Allmende Nr. 45,  15. Jahrgang 1995, sowie „Alemannisches Judentum“, Hg.: Manfred Bosch; Edition Klaus Isele, Eggingen 2001
[4]   Unveröffentlichtes Manuskript, zweiter Teil ihrer Erinnerungen an die Deportation von Freiburg nach Gurs am 22. Oktober 1940 und die nachfolgenden Erlebnisse bis zu ihrer Flucht in die Schweiz 1943
[5]   Staatsarchiv Freiburg, Bestand F 200/7, Nr. 1255

Pfeifer, Lydia

Pfeifer LydiaWegen ihrer Epilepsie lebte Lydia Pfeiffer aus Haßmersheim bei ihren Eltern. Als der Vater, ein Hauptschullehrer im Ruhe­stand, ins Altenheim ging wurde ihr Schwager Ernst Gilbert, Pfarrer in Steinen bei Lörrach, als Vormund einge­setzt. Der Vater verstarb am 4. März 1938. Lydia Pfeifer lebte seit 1. Februar 1938 (abweichende Angabe 1. April 1937) in Kork. Die Familie stand mit ihr in regelmäßigem Briefkontakt. Die Briefe gaben nach Aussagen des Schwagers immer den Eindruck einer gesunden Persön­lich­keit. Bücher und ein Harmoni­um in ihrem Nachlass lassen auf musische Interessen und Aktivitäten schlie­ßen. In der Einrichtung war sie wohl beliebt, so der Schwager.
 
Vom letzen Besuch in Kork am 25. August 1939 berichtet ihr Schwager: Wir konnten uns damals mit ihr gut unterhalten und sie machte den Eindruck eines gesunden Menschen. Ihr Krankheitszustand wurde erst bei einem Anfall deutlich. Diese Anfälle bekam sie meines Wis­sens nur etwa alle 4 Wochen. Sie war zeitlich und örtlich orientiert und vollständig arbeitsfähig, wenn sie die Anfälle nicht hatte. Die Eintragungen in den Melde­bogen zur Erfassung von Anstaltsinsassen lauten im Herbst 1939: Genuine Epilepsie mit erheb­li­cher We­sensänderung und Demenz“ bezüglich der Arbeitsfähig­keit weist die Durchschrift „leichte mecha­ni­sche Haus- und Handarbeiten“ aus.
 
Mit der Evakuierung der gesamten Bevölkerung entlang des Rheins nach Kriegsbeginn wurden auch Lydia Pfeifer sowie alle BewohnerInnen und Mitarbeitende in der Anstalt Stetten behelfsmäßig untergebracht. Von hier wurde sie am 28. Mai 1940 nach Grafeneck deportiert. In der Zeit zuvor sei es ihr „ordentlich gegangen“. Der Schwager und seine Frau Martha Gilbert werden am 1. Juni 1940 von Direktor Stolz aus Stetten, darüber informiert, dass Lydia Pfeifer mit unbekanntem Ziel verlegt worden sei. Am 7. Juni1940 empfangen sie diesen Brief. Ernst Gilbert bittet in seinem direkten Antwortbrief um Mitteilung „welcher Er­ass des Ministeriums die Verlegung von Lydia Pfeifer nötig machte. Dass Ihnen die Anstalt unbekannt ist, wohin Lydia verlegt worden ist, ist mir unbegreiflich. … Diese Nachricht wirkt so sonderbar, dass meine liebe Frau als Schwester der Lydia Pfeifer erschrak über diese Nachricht“. Die Schwester schreibt am glei­chen Tag an den Evang. Oberkir­chen­rat. Über den Inhalt des Schreibens bin ich begreiflicher­weise recht empört über eine derartige Hand­lungsweise. Bis heute weiß ich noch nicht, welches der neue Aufent­halts­ort meiner Schwester ist. Ich werde mich per­sönlich an das Ministerium wenden. Hat das Ministe­rium das Recht, Kranke ohne das Wissen der Angehö­rigen, die doch bezahlen, an einem anderen Ort unterzu­brin­gen? Wohin kam Lydia von Ihnen aus? Man muss doch einen Ort angegeben haben? Wurden noch mehr Kranke auf diese Weise aus der Anstalt entfernt? … Gilbert, in einem Brief an Direktor Stolz, der ihn über die Verlegung mit unbekanntem Ziel infor­miertet: „Wenn die Aufnahmean­stalt Ihnen unbekannt blei­ben muss, darf ich wissen, dass Sie Weisung ha­ben, es nicht wissen zu dürfen, obwohl Sie die Aufnahme­an­stalt doch wissen.“ Das Ehepaar ist intensiv um Aufklärung bemüht und schreibt nach Kork, an den Ober­kirchenrat, an das Ministerium ja sogar nach Grafeneck. Die darin gestellten Fragen sind offen und direkt.
 
Die Todesnachricht aus der Landespflegeanstalt Grafeneck erreichte Familie Gilbert am 18. Juni 1940: Der Tod sei am 15. Juni 1940 infolge „Atemhemmung im epileptischen Anfall“ eingetreten. Kommentiert wurde diese Todesursache durch den Schwager mit den Worten „Atemnot hatte doch Lydia nie gehabt“. An Dire­ktor Stolz, der in Stetten die Belange Korks wahrnahm, schrieb Martha Gilbert noch am selben Tag: Ich bin ganz geschlagen und getroffen. (..) Mir tut es leid, dass ich ihr diese ganzen drei Wochen auch nicht das kleinste Zeichen der Liebe und des Gedenkens zukommen lassen konnte. Gilbert äußerte er sich auf einer Postkarte an den Anstaltsleiter, dass seine „an das Ministerium, an den Oberkirchenrat und nach Grafen­eck gerichtete Anfrage noch keine befriedigende Antwort erhalten habe“.  Die Intervention Pfarrer Gilberts im Juni 1940 führte auch zu einem Protest­schreiben des Evangelischen Oberkirchenrats an das badische Innenmini­sterium am 19. Juni 1940. Darin richtete sich der Protest jedoch nicht gegen die Krankenmorde sondern lediglich gegen die Verlegungspraxis.
 
In einem Schreiben an die Anstalt Grafeneck forderte Martha Gilbert Auskünfte über das Schicksal ihrer Schwester und fragte direkt nach „Was hat man an diesen armen Menschen vorgenommen?“. Die Reaktion vom 28. Juni 1940 aus Grafeneck: „Falls Sie mir binnen acht Tagen darüber keine Aufklärung zugehen lassen und diese Verdächtigungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknehmen, sehe ich mich gezwun­gen, Ihr Schreiben der Geheimen Staatspolizei zu übergeben, die dann vielleicht auch über Sie die böswil­ligen Verdächtigungen, die von der Anstalt Kork gegen uns ausgehen, aufdecken kann.“ Lydia Pfeifer wurde beim ersten Transport am 28. Mai 1940 mit insgesamt 70 Frauen und Mädchen nach Grafeneck deportiert. Das Auswahlkriterium für die Ermordung: weiblich.
 
In Würdigung der bemerkenswerten Offenheit, des entschlossenen Bemühens um Aufklärung sowie des Widerstands benannte die Diakonie Kork einen Weg und ein Wohnhaus nach Lydia Pfeifer.

 
Klaus Freudenberg
Kork