Lion, Edith und Hans

Foto: Staatsarchiv FreiburgEdith Trude Lion und Hans Max Friedrich Lion waren die Kinder von Johanna Lion und Karl Lion. Die Familie wohnte in der Franz-Volk-Straße 45 in Offenburg.

Später wurden sie durch die Nationalsozialisten aus ihrer Wohnung vertrieben und in einem so genannten Judenhaus zusammengepfercht. Dieses befand sich in der Gaswerkstraße 17, wo sie dann mit den jüdischen Familien Geismar, Grombacher und den Hammels zusammenlebten. Vater Karl Lion, ein Kaufmann, war Teilhaber der Zigarrenfirma Ullmann & Fetterer. Wie viele andere Unternehmen auch geriet diese in der Weltwirtschaftskrise 1929 in große Zahlungsschwierigkeiten. Um die Schulden zu verringern, mussten die Teilhaber, also auch Karl Lion, den Großteil ihres Vermögens sowie ihren Grundbesitz verkaufen. Dennoch standen bei der Sparkasse Offenburg und bei der Deutschen Bank auch weiter Schulden offen. Zu Beginn des „Dritten Reiches“ waren die Lions daher schon verarmt.

Foto: Staatsarchiv FreiburgDie Tochter  Edith wurde am 4. Januar 1922 in Offenburg geboren. Sie besuchte die Volksschule bis Ostern 1936. Später, soviel ist bekannt, machte Edith noch einen Kochkurs an der Klosterschule. Um diese Zeit war bereits klar, dass jüdischen Schülern und Schülerinnen der Schulbesuch kaum mehr möglich war; schon im April 1933 hatten die Nazis ein Gesetz verabschiedet, das die Zahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen stark begrenzte. Im August 1934 wurde auch die Zahl der jüdischen Berufsschüler eingeschränkt. Und im Juli 1937 mussten die öffentlichen Schulen Sonderklassen für Juden einrichten. Leider ist nicht bekannt, ob die Eltern von Edith Lion vorhatten, ihre Tochter auf eine höhere Schule zu schicken.

Die Einschränkungen betrafen natürlich auch ihren Bruder Hans, der  am 10. Januar 1920 in Offenburg geboren wurde. Die Mutter Johanna Lion wollte wohl, dass Hans im Ausland weiter zur Schule gehen sollte. Es gelang ihr aber nicht, eine Zulassung zu bekommen. Hans machte stattdessen eine  kaufmännische Lehre. Während seiner Ausbildung vom 2. Mai 1935 bis 23. Mai 1936 bei einer Zigarrenfabrik in Emmendingen, wo er auch wohnte, soll er von seinen Kollegen Geld gestohlen haben. Das Gericht wies die Schuld den Eltern zu, weil sie angeblich den Jungen schlecht erzogen hätten. Es war selbstverständlich, dass er seinen Arbeitsplatz verlassen musste. Warum er Geld entwendet hatte, wurde vor Gericht nicht geklärt. Hans kehrte zurück nach Offenburg. In der Langestraße 18 kam  er in einem Fahrradgeschäft unter. Es existiert heute noch. Der Besitzer des Geschäftes wurde von einem Nachbarn denunziert, weil er Juden beschäftigte. Er weigerte sich standhaft, Hans zu entlassen, durfte ihn aber nicht als Lehrling, sondern nur als Hilfsarbeiter beschäftigten.

Im Oktober 1940 wurde die gesamte Familie Lion zunächst nach Gurs deportiert, von dort in ein KZ im Osten. Dies ist in einem Erhebungsbogen aus den 1960er Jahren zu lesen, den die Stadt Offenburg ausfüllte. Solche Bögen mussten alle badischen Gemeinden über die Schicksale ihrer ehemaligen jüdischen Bürger und Bürgerinnen anlegen. Das Amtsgericht Offenburg legte als Todeszeitpunkt für alle Familienmitglieder den 8. Mai 1945 fest. Niemand weiß, in welchem Vernichtungslager die Lions umkamen. Vor dem Haus in der Franz-Volk-Straße wurden Stolpersteine für die Ermordeten gesetzt.

 
Nurten Karakurt & Aysenur Zorbulut
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2014/15

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