Kahn, Hans & Grete (geb. Schmidt)

Foto: Staatsarchiv FreiburgHans Robert Kahn wurde am 14.8.1907 in Offenburg geboren. Er hatte noch einen zwölf Jahre älteren Bruder namens Ludwig. Zusammen mit seinem Bruder gehörte ihm die alteingesessene Zigarrenfirma „Adolf Kahn OHG“. Wegen ihrer jüdischen Abstammung mussten die Brüder das Unternehmen verkaufen, und im Januar 1939 wurde das Unternehmen ganz aus dem Handelsregister gelöscht. Nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hielten die Nazis Hans 35 Tage lang im Konzentrationslager Dachau fest. Nach seiner Freilassung ordneten die Behörden an, dass er Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen hätte, ansonsten müsste er einer erneuten Festnahme entgegensehen.
 
Einige Jahre zuvor, am 18.5.1935, hatte er in Bruchsal Grete Regina Schmidt geheiratet. 
 
Foto: Staatsarchiv FreiburgGrete Regina Kahn war die Tochter des Arztes Leopold Schmidt und seiner Frau Elisabeth und wurde am 19.2.1914 in Karlsruhe geboren. Nach der Eheschließung siedelte sie mit ihrem Mann nach Offenburg in die Okenstraße 3 über. Noch im selben Jahr zog das junge Paar am 16. Mai in die Turnhallenstraße 14 um. Drei Jahre später, am 29.5.1938, kam ihre Tochter Dorothy Jane in Gengenbach auf die Welt.
 
Über Grete Reginas Kindheit und Schulzeit ist nahezu nichts bekannt. Aus dem Erhebungsbogen zur Dokumentation der Judenschicksale 1933 – 1945 in
Baden-Württemberg, der 1964 erstellt worden ist, ist jedoch zu entnehmen, dass sie ein Studium anfing. Da sie 1933 an der Universität Heidelberg nicht immatrikuliert wurde, ging sie für ein Semester nach Genf, danach auf die Sorbonne in Paris. Leider wurde auf dem Bogen nicht vermerkt, welche Fächer sie studierte. 1934 musste sie ihr Studium abbrechen, da behördlicherseits die Devisenausfuhr untersagt  wurde und sie kein Geld mehr hatte.
 
1938 wanderten die beiden Brüder Kahn mit ihren Familien aus. Hans hatte zunächst vor, mit seiner Frau und seiner gerade einmal ein Jahr alten Tochter nach Buenos Aires zu gehen. Dies konnte er jedoch nicht verwirklichen, da der zweite Weltkrieg begann, nachdem er kurz zuvor im August 1939 mit Frau und Kind nach Basel ausgereist war. Sie wollten nun mit dem Flugzeug von dort nach London gelangen. Die Schweizer Luftlinie hatte jedoch einige Tage vor Kriegsbeginn ihren Verkehr mit England eingestellt; so hatten sie keine Möglichkeit mehr die Schweiz zu verlassen. Eine Ausreise in die USA, worauf sie hofften, war zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen, da die Amerikaner nur eine bestimmte Quote von Immigranten zuließen. Sie hatten keine andere Wahl, als acht Monate in einem Zimmer in einer kleinen Pension zu verbringen, bis sie endlich am 17.4.1940 das Transitvisum für das italienische Genua erhielten. Nach einer sehr stürmischen Überfahrt erreichten sie schließlich mit dem Dampfer „Washington“ am 29.4.1940 New York. 
Wovon sie dort lebten und welche Zweitkarriere Hans eventuell starten konnte, ist nicht bekannt. Im Jahr 1945 bekamen er und Grete ihr zweites Kind Steven.
 
Sie und ihr Mann müssen vermögend gewesen sein, da allein der Wert ihres Haushalts 100.000 RM betrug. Als die Kahns auswandern wollten, sollte der Haushalt in zwei so genannten Lifts mitgeführt werden. Diese wurden jedoch in Hamburg beschlagnahmt und anschließend von den Nazi-Behörden unrechtmäßig versteigert. Das Landgericht Hamburg entschädigte die Kahns nach dem Krieg mit 75.000 DM.

Am 10.8.1962 starb Hans Robert im Alter von nur 55 Jahren, woran, ist unbekannt.

Grete Regina Kahn lebte nach seinem Tod bei ihren zwei Kindern im New Yorker Stadtteil Manhattan, in der 1795 Riverside Drive New York 34, eine Adresse, welche nach Internetquellen auch heute noch die aktuelle der Familie ist. Am 16. Oktober 2010 verstarb sie im Alter von 96 Jahren. Nach der Todesanzeige in der New York Times vom 18.10.2010 war sie Großmutter eines Michael, vermutlich das Kind ihrer Tochter Dorothy.
 

Gabriella Kinefss & Sabine Hübner       
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2014/15

Grumbacher, Hedwig (geb. Zivi)

Foto: Staatsarchiv FreiburgHedwig Zivi wurde am 05.07.1886 im badischen Müllheim geboren. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie. Ihr Vater, der Kaufmann Moses Zivi, verfügte unter anderem über diverse Wertpapiere, die Hedwig nach seinem Tod erbte. Daher verwundert es wenig, dass sie zwar Klavierspielen, aber keinen eigenen Beruf erlernte. Das war damals für Töchter aus gutbürgerlichem Haus üblich: Die Mädchen sollten ihren zukünftigen Ehemännern gute Frauen und gute Mütter der gemeinsamen Kinder sein.

1913 heiratete sie Max Grumbacher, einen im Jahr 1882 in Rust geborenen Kaufmann. Gemeinsam hatte das Paar 2 Söhne:
Gustav, geboren am 03.11.1913 in Mülhausen im Elsaß, von Beruf ebenfalls Kaufmann. Anscheinend erkannte er schon frühzeitig, dass Juden im Nazideutschland keine Zukunft mehr haben würden. Daher wanderte er im April 1934 bereits nach Buenos Aires aus. Über seinen weiteren Lebensweg ist nichts bekannt. Im Jahr 1964 war er es, der als letzter Überlebender der Familie in Deutschland Wiedergutmachung beantragte.

Sein Bruder Hans, geboren am 15.08.1915 in Mannheim, war von Beruf Mechaniker. Auch er wanderte noch “rechtzeitig”, im Jahr 1936, nach Los Angeles aus und verstarb dort noch in jungen Jahren am 09.12.1949.

Hedwig ließ sich 1923 scheiden. Die Gründe für die Trennung von ihrem Ehemann Max Grumbacher sind unbekannt. Im Jahr davor zog sie bereits vom eigentlichen Wohnsitz der Familie in Mannheim nach Offenburg. Dort lebte sie mit den beiden Söhnen und ihrem Vater in der Langen Straße 56 in einer gemeinsamen Wohnung. Oft findet man ihren Vater auch unter dem Vornamen Max Zivi, wir vermuten, er hat seinen Namen Moses ändern lassen, um nicht direkt am Vornamen als Jude erkannt zu werden.

Ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters wurde Hedwig Grumbacher am 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich) deportiert. Die staatlichen Behörden beschlagnahmten ihre Wohnungseinrichtung in der Langen Straße 56 und versteigerten sie. Die von ihrem Vater geerbten Wertpapiere wurden ebenfalls vom Staat kassiert.

Von Gurs wurde Hedwig nach Récébédou, anschließend nach Drancy und schließlich am 28.08.1942 nach Auschwitz deportiert. Man weiß nicht, ob sie gleich nach der Ankunft dort umgebracht wurde oder noch eine Zeit überlebte. Das Amtsgericht Offenburg legte ihren Todeszeitpunkt daher auf den 08.05.1945.

 
Greta Gille
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2014/15

Wiegand, Dr. med. Hertha (geb. Lion)

Foto: BundesarchivFrau Dr. Hertha Wiegand wurde am 6.7.1890 als Hertha Lion in Ettenheim geboren.
Zusammen mit ihren Eltern, der älteren Schwester und der Familie ihres Onkels, Raphael Lion, wohnte sie in Ettenheim. Dort besuchte sie das Realgymnasium und machte Abitur. Sie hielt als erste Frau an ihrer Schule die Abiturrede. Nach dem Abitur studierte Hertha Lion Medizin in Freiburg, München und Heidelberg, woraufhin sie 1915 über „Granatkommotionsneurosen“, sog. „Kriegszitterer“ promovierte.
Damals gab es nur sehr wenige Frauen, die ein Gymnasium besuchten oder studierten.
 
Im gleichen Jahr, am 8.3.1915, heiratete sie ihren evangelischen Studienkollegen Otto Wiegand, der aus Dessau stammte. Dieser hatte sich bei Beginn des Ersten Weltkrieges als Arzt im Diakonistenkrankenhaus in Jerusalem aufgehalten. Als er jedoch vom Beginn des Krieges gehört hatte,  kehrte er so schnell wie möglich zurück, um seinem Land zur Verfügung zu stehen. Zusammen mit ihrem Mann war Frau Dr. Wiegand nun in einem Lazarett bei Tittisee tätig, später in einer großen Psychiatrie in Düsseldorf.

Am 10.3.1916 wurde ein Sohn geboren, der jedoch bald nach der Geburt starb.
Das Ehepaar ließ sich 1929 in Offenburg nieder, wo sie eine gemeinsame Praxis eröffneten.
 
Am 22.9.1920 wurde die Tochter Dorothea geboren. Diese besuchte in Offenburg das Grimmelshausen Gymnasium, wo sie sie Opfer zahlreicher Anfeindungen und Beschimpfungen, u.a. „Judendsau“, wurde. Ihre Mitschüler isolierten sie, bis sie nur noch Kontakt mit ebenfalls Verfolgten hatte, wie z.B. mit Kindern kommunistisch eingestellter Eltern. Dorothea Wiegand wechselte die Schule und besuchte von nun an die Höhere Handelsschule. Nach dem Erwerb der Mittleren Reife begann sie eine Lehre bei der Spedition Seegmüller. Bei der Bücherverbrennung vor dem Rathaus in Offenburg wurde sie selbst Zeugin.
 
Aufgrund einer Krankheit, die sich Dr. Otto Wiegand an der Front zugezogen hatte, verstarb er am 1.1.1925. Nach dem Tod ihres Mannes trat Frau Dr. Hertha Wiegand aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft aus und blieb konfessionslos. Sie praktizierte nun allein als Frauen- und Kinderärztin weiter und zog mit ihrer Tochter 1928 in die Wasserstraße 8 um.  Dort wandte sie moderne Heilmethoden an und empfing auch Patientinnen von weither.
 
1933 wurden sie erstmals durch die Nazis terrorisiert, als diese versuchten, die Praxis zu schließen. Da sich Frau Dr. Wiegand jedoch dagegen wehrte, gelang es nicht. Trotzdem wurden Patienten daran gehindert, ihre Praxis zu besuchen.
Man dachte an Auswanderung, was jedoch nicht ohne weiteres möglich war,  da es in vielen Ländern strenge Einwanderungsquoten gab und  es auch kaum möglich war, im Ausland eine Arbeitsstelle zu finden.
 
Am 30.9.1938 wurde Frau Dr. Wiegand aufgrund der „4. Verordnung des Reichsbürgergesetz“ die Approbation entzogen. An ihrem letzten Arbeitstag kamen so viel Patienten zu der beliebten Ärztin, dass diese bis spät in die Nacht arbeiten musste.
Als das Elternhaus in Ettenheim am 9.11.1938 verwüstet wurde, dachte man wieder an eine Auswanderung in die USA, was aber aufgrund der Einwanderungsquote nicht möglich war.
Auch das Haus in dem Frau Dr. Hertha Wiegand mit ihrer Tochter Dorothea wohnte, musste (weit unter Wert) verkauft werden. Sie zogen in die ehemaligen Praxisräume um, wo sie von ehemaligen Patienten mit Nahrung versorgt wurden.
 
Am 22.10.1940 kam es zur Deportation vieler Offenburger Juden, wobei Frau Dr. Wiegand verschont blieb, da sie in einer „privilegierten Mischehe“ gelebt hatte. Ihre Tochter nahm sich einen Tag frei, da sie in der Spedition von der bevorstehenden Deportation gehört hatte und brachte den in der Turnhalle des Schillergymnasiums (heute Schillersaal) zur Deportation versammelten Menschen Medikamente.
 
Zwei Jahre später, 1942, erhielt Frau Dr. Wiegand ihren ersten Deportationsbefehl, der jedoch widerrufen wurde, da sich mehrere Leute für sie einsetzten. Mehrere Ärzte bescheinigten ihr unabhängig voneinander schwere Krankheiten (Asthma, Herzleiden). Es wurde sogar eine Bitte an den Ministerpräsidenten Köhler durch ihren Kollegen Dr. Schmidt geschrieben, Frau Dr. Wiegand nicht zu deportieren. Doch all diese Rettungsversuche blieben erfolglos. Schließlich kam es am 10.1.1944 zur Deportation von Frau Dr. Wiegand. Die Deportation wurde am Sonntag angekündigt und einen Tag später, am Montag, durchgeführt: Sie wurde verhaftet und zu einem Sammelplatz in Karlsruhe gebracht, von wo aus sie in das KZ Theresienstadt verschleppt werden sollte. Zu Hause, auf der Fahrt nach Karlsruhe und in Karlsruhe nahm sie eine Überdosis Schlaftabletten. Daraufhin wurde sie aus dem Zug in ein Krankenhaus gebracht. Dort wurde sie jedoch nicht in ein gewöhnliches Krankenzimmer gebracht, sondern in die sog. „Zelle“, in der auch „Geisteskranke“ verwahrt wurden.
 
Frau Dr. Hertha Wiegand starb in dieser Zelle am 12.1.1944. Ihre Urne wurde im Grab ihres Mannes, Dr. Wiegand, in Freiburg beigesetzt. Frau Dorothea Siegler-Wiegand lebt noch heute in Offenburg.
 
 
Georg Spinner
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2005
 
 
Quellen:
– Dokumente von Frau Siegler-Wiegand
– Dokumente aus dem Nachlass der Familie Wiegand
– Buch „Jüdische Stimmen“ von Martin Ruch

Deutsch, Max ( Motel Dajcz )

Foto: StadtarchivDer Kaufmann Max Deutsch wurde am 20.9.1888 im polnischem Spicin unter seinem polnischen Namen Motel Dajcz geboren. In Deutschland heiratete er Dina Schnurrmann, die am 6.12.1890 in Schmieheim geboren worden war. Dina und Max Deutsch ließen sich zunächst in Ludwigshafen nieder und siedelten am 22.1.1924 nach Offenburg über. Ihre erste Tochter hieß Senta und kam am 28.3.1921 auf die Welt. Die jüngere Tochter Hannelore wurde am 29.7.1924 geboren. Die Familie lebte in ihrem eigenen Haus in der Badstraße 39. Daneben besaßen sie ein dreistöckiges Mietshaus mit einem Anbau, ebenfalls in der Badstraße. Max Deutsch führte einen gutgehenden Rohproduktenhandel von Wäschewaren, für den er zwei Hallen in der Haselwanderstraße angemietet hatte. Zur Gewerbesteuer wurde er bis 1938 veranlagt, und zwar 1938 noch mit 8.900 Reichsmark. Zum Jahresende hin musste er aber den Gewerbebetrieb einstellen. Die Familie war während der Nazizeit keinen direkten Drangsalen unterworfen, da sie über einen Schutzbrief des polnischen Konsulats verfügten. Dadurch wurde Max Deutsch amtlicherseits als Pole angesehen und konnte kein deutscher Staatsbürger werden. Dennoch wurde die Familie ein Jahr später, im Juni, nach Italien, genauer gesagt Mailand, ausgewiesen. In Italien kam die Familie Deutsch in eine Wohnung, die sie mit anderen Leuten teilen mussten. Infolge der immer engeren Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Italien seit Abschluss des „Stahlpakets“ im Mai 1939 wurden alle vor Hitler geflohenen Männer in Italien zunehmend drangsaliert: Max Deutsch musste daher zunächst ins Gefängnis für etwa zwei bis drei Wochen und anschließend in das Lager Ferramonti, welches im Süden in Kalabrien lag. Dies geschah im Jahre 1941. Im Lager bekam er zweimal Malaria. Zur selben Zeit erkrankte seine Frau schwer und starb am 11.1.1942 in Villa S. Marie. Die Kinder Senta und Hannelore konnten in die USA auswandern, wo sie später heirateten. Nach der Internierung wusste Max Deutsch nicht, wie er sich durchbringen sollte, da er als Emigrant keine Arbeit und auch keine finanzielle Hilfe erhielt. Es gelang ihm jedoch, nach Palästina auszuwandern. Bis zu seinem Tod am 13.12.1950 in Jerusalem lebte er ausschließlich von Unterstützungszahlungen seiner Tochter und ihres Ehemannes.

Nabila Popal
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2018/19

Blaues Haus Breisach

Breisach: jour fixe musical – Geige im Exil I

Unter dem Motto: „Musikalische Raritäten zum Thema Verfolgung – Widerstand – Exil“ hat im September 2018 im Blauen Haus Breisach die Reihe „Jour fixe musical“ begonnen, bei der in erster Linie von den Nazis verfemte Komponisten und Interpreten zu Worte kommen. Die Programmfolgen widmen sich aber ebenso Werken von Komponisten, die Widerstand geleistet haben oder von Künstlern, die in anderem geschichtlichen Zusammenhang verfolgt wurden oder ins Exil gehen mussten. Bei Festival Pro 2: Geige im Exil I spielen Studierende der Hochschule für Musik Freiburg (Klasse Professor Muriel Cantoreggi) Solo- und Duowerke für Violine – u.a. von Ernst Toch, Ervín Schulhoff, Egon Wellesz, Ernst Krenek
Zugabe: Gustav Mahler spielt eigene Werke (Originalaufnahme Welte-Mignon-Klavier, 1905). An dem Tag werden zudem Radierungen von Karl Jakob Hirsch zu Liedern Gustav Mahlers gezeigt.

Weitere Veranstaltungen in dieser Reihe: 2019_02_10_Jour-fixe-musical-4

Sonntag, 9. Juni 2019, 18 Uhr
Breisach, Blaues Haus
Eintritt frei

Lion, Edith & Hans

Foto: Staatsarchiv FreiburgEdith Trude Lion und Hans Max Friedrich Lion waren die Kinder von Johanna Lion und Karl Lion. Die Familie wohnte in der Franz-Volk-Straße 45 in Offenburg.

Später wurden sie durch die Nationalsozialisten aus ihrer Wohnung vertrieben und in einem so genannten Judenhaus zusammengepfercht. Dieses befand sich in der Gaswerkstraße 17, wo sie dann mit den jüdischen Familien Geismar, Grombacher und den Hammels zusammenlebten. Vater Karl Lion, ein Kaufmann, war Teilhaber der Zigarrenfirma Ullmann & Fetterer. Wie viele andere Unternehmen auch geriet diese in der Weltwirtschaftskrise 1929 in große Zahlungsschwierigkeiten. Um die Schulden zu verringern, mussten die Teilhaber, also auch Karl Lion, den Großteil ihres Vermögens sowie ihren Grundbesitz verkaufen. Dennoch standen bei der Sparkasse Offenburg und bei der Deutschen Bank auch weiter Schulden offen. Zu Beginn des „Dritten Reiches“ waren die Lions daher schon verarmt.

Foto: Staatsarchiv FreiburgDie Tochter  Edith wurde am 4. Januar 1922 in Offenburg geboren. Sie besuchte die Volksschule bis Ostern 1936. Später, soviel ist bekannt, machte Edith noch einen Kochkurs an der Klosterschule. Um diese Zeit war bereits klar, dass jüdischen Schülern und Schülerinnen der Schulbesuch kaum mehr möglich war; schon im April 1933 hatten die Nazis ein Gesetz verabschiedet, das die Zahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen stark begrenzte. Im August 1934 wurde auch die Zahl der jüdischen Berufsschüler eingeschränkt. Und im Juli 1937 mussten die öffentlichen Schulen Sonderklassen für Juden einrichten. Leider ist nicht bekannt, ob die Eltern von Edith Lion vorhatten, ihre Tochter auf eine höhere Schule zu schicken.

Die Einschränkungen betrafen natürlich auch ihren Bruder Hans, der  am 10. Januar 1920 in Offenburg geboren wurde. Die Mutter Johanna Lion wollte wohl, dass Hans im Ausland weiter zur Schule gehen sollte. Es gelang ihr aber nicht, eine Zulassung zu bekommen. Hans machte stattdessen eine  kaufmännische Lehre. Während seiner Ausbildung vom 2. Mai 1935 bis 23. Mai 1936 bei einer Zigarrenfabrik in Emmendingen, wo er auch wohnte, soll er von seinen Kollegen Geld gestohlen haben. Das Gericht wies die Schuld den Eltern zu, weil sie angeblich den Jungen schlecht erzogen hätten. Es war selbstverständlich, dass er seinen Arbeitsplatz verlassen musste. Warum er Geld entwendet hatte, wurde vor Gericht nicht geklärt. Hans kehrte zurück nach Offenburg. In der Langestraße 18 kam  er in einem Fahrradgeschäft unter. Es existiert heute noch. Der Besitzer des Geschäftes wurde von einem Nachbarn denunziert, weil er Juden beschäftigte. Er weigerte sich standhaft, Hans zu entlassen, durfte ihn aber nicht als Lehrling, sondern nur als Hilfsarbeiter beschäftigten.

Im Oktober 1940 wurde die gesamte Familie Lion zunächst nach Gurs deportiert, von dort in ein KZ im Osten. Dies ist in einem Erhebungsbogen aus den 1960er Jahren zu lesen, den die Stadt Offenburg ausfüllte. Solche Bögen mussten alle badischen Gemeinden über die Schicksale ihrer ehemaligen jüdischen Bürger und Bürgerinnen anlegen. Das Amtsgericht Offenburg legte als Todeszeitpunkt für alle Familienmitglieder den 8. Mai 1945 fest. Niemand weiß, in welchem Vernichtungslager die Lions umkamen. Vor dem Haus in der Franz-Volk-Straße wurden Stolpersteine für die Ermordeten gesetzt.

 
Nurten Karakurt & Aysenur Zorbulut
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2014/15

Weil, Erich Elias

Foto: Staatsarchiv FreiburgErich Elias Weil wurde am 27.11.1926 als Sohn von Paula Bella und Max Weil in Rastatt geboren. Zwei Jahre darauf zog die Familie nach Offenburg in die Blumenstraße 3 und ein Jahr später in die Hermannstraße 8.

Erichs Vater arbeitete bis 1935 bei der Firma Dold. Ohne jede Entschädigung wurde er nur aufgrund seiner jüdischen Abstammung entlassen. Zwei Jahre darauf zog die Familie Weil wieder in die Blumenstraße 3, um dort ein jüdisches Café zu eröffnen.

Die Lage verschärfte sich in der sogenannten „Reichspogromnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938, in der die Offenburger Synagoge und viele jüdische Geschäfte und Häuser zerstört wurden. In dieser Nacht wurden alle männlichen Juden ab 16 Jahren festgenommen und am darauffolgenden Tag nach Dachau deportiert. Auch das Café Weil wurde zerstört und Max Weil für vier Wochen nach Dachau ins Arbeitslager deportiert. 1939 wurde die Familie Weil gezwungen, die Schäden, die durch die Nationalsozialisten am Café entstanden waren, zu beheben und das Café wieder zu eröffnen. Im gleichen Jahr mussten sie das Café jedoch wieder schließen, weil die Kundschaft ausblieb.

Mitte April zog die Familie für einige Monate nach Karlsruhe, wo Erich vermutlich auf die jüdische Schule ging.

Da Erichs Eltern für ihren einzigen Sohn keine Perspektive in Deutschland sahen, beantragten sie für ihn einen Kinderreisepass, damit er zu Verwandten nach Nordamerika auswandern konnte. Eine Bestätigung auf die Beantragung blieb aus.
Mitte Dezember 1939 zog die Familie für einige Zeit nach München. Als sie zurückkamen, bezogen sie eine Wohnung in der Schanzstraße 7. Die Nationalsozialisten hatten angeordnet, dass jüdische Kinder nur jüdische Schulen besuchen durften. Dies bedeutete für Erich, dass er jeden Tag den langen Weg nach Freiburg zurücklegen musste, da dort die nächstgelegene jüdische Schule war.

Im Oktober 1940 wurde die gesamte Familie in den frühen Morgenstunden von SS-Truppen aus den Betten geworfen und gezwungen, ihre Sachen innerhalb einer Stunde zu packen. Sie durften nur 100 Reichsmark, Essen für mehrere Tage und maximal einen Koffer pro Person mitnehmen. Die Familie wurde in den Schillersaal mit den anderen Offenburger Juden eingesperrt, am Folgetag an den Bahnhof getrieben und nach Gurs (Südfrankreich) deportiert. Dort lebte die Familie ein halbes Jahr voneinander getrennt unter menschenunwürdigen Bedingungen, bis sie im März 1941 in das Internierungslager Rivesaltes transportiert wurden. Im September desselben Jahres starb Max Weil.

Ein Jahr später gelang Erich die Flucht mit Hilfe der französischen Hilfsorganisation OSE(Œuvre de secours aux enfants), die ihn in dem Kinderheim der Lilly Volkart im Tessin unterbrachte. Mit 16 Jahren besuchte er das Gymnasium in Locarno.

Zur selben Zeit wurde seine Mutter nach Auschwitz gebracht, drei Jahre später wurde sie für tot erklärt.

1946 emigrierte Erich Elias Weil in die USA, weil er Konditor werden wollte und dazu in der Schweiz keine Möglichkeit sah. Die Auswanderungskosten sowie die Haftentschädigungskosten wurden ihm Jahre später, nach seinem Wiedergutmachungsgesuch, vom Deutschen Staat erstattet. In den USA musste er drei Jahre lang Wehrdienst leisten. 1954 eröffnete er ein Delikatessengeschäft in New York.

Weitere Informationen zu seinem Leben liegen uns leider nicht vor. Wir vermuten jedoch, dass er mittlerweile in Amerika gestorben ist.

 
Julia Gresbach & Verena Kiefer
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2013/2014

Maier, Arthur & Ima (geb. Beck)

Foto: Staatsarchiv FreiburgArthur Maier wurde am 29. Oktober 1899 geboren. Er wuchs zusammen mit seinen Eltern Friedrich und Maria Maier in Offenburg auf. Mit 29 Jahren, am 12.06.1928, bezog er eine Wohnung in der Okenstraße 59. Keine zwei Jahre später wechselte er in die Grimmelshausenstraße 20, wenig später in die Lange Straße 52. Dort wohnte er bis 1934, ein Jahr nachdem die nationalsozialistische Regierung am 1. April 1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen hatte. Zwar wissen wir, dass ein großer Teil der Offenburger Solidarität zeigte, aber wie Arthur Maier seinen Beruf als Vertreter für Zigarren und Lebensmittel weiter ausüben konnte, ist nicht dokumentiert.
 
Am 2. Mai 1934 heiratete Arthur Maier die gebürtige Mainzerin Irma Rosa Beck. Zusammen mit ihr zog er drei Tage später in die Hermannstraße 12, doch am 1. Juli zog Arthur aus ungeklärten Gründen in die Grimmelshausenstr. 8 und Irma in die Okenstr. 5 um. Erst auf den 1. Oktober 1935 konnte Irma Rosa wieder zu ihrem Mann ziehen.
 
Foto: Staatsarchiv FreiburgMit Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze, am 15. September 1935, verschlechtert sich die Situation der Juden in Deutschland entscheidend. Sie definierten Juden nicht als Angehörige der jüdischen Religion, sondern als „Rasse“ und entzogen ihnen die Reichsbürgerschaft.
 
Auch die sogenannte Reichskristallnacht am 09/ 10.11.1938 muss sie zutiefst erschüttert haben. Im ganzen Land brannten die Synagogen. Auch in Offenburg wurde die Synagoge im Salmen zerstört. Alle männlichen Juden ab 16 Jahren wurden verhaftet, in einem 90minütigen Horrormarsch von Rathaus bis zum Bahnhof getrieben und in den Zug nach Dachau gesperrt, wo sie eingepfercht vier Nächte und drei Tage verbrachten. Arthur Maier wurde am 11.11.1938 nach Dachau deportiert, kam aber schon nach einigen Wochen, am 22.12.1938, wieder nach Offenburg zurück.
 
Auf den 1. August 1939 bezog das Ehepaar Maier eine Wohnung in der Schanzstraße 7. Dort wohnten sie noch ein Jahr zusammen, bevor am 22. Oktober 1940 die zweite große Deportation erfolgte. Alle Offenburger Juden wurden jetzt im Schillersaal versammelt und von dort bis zum Bahnhof getrieben. Auf dem Weg dorthin wurden sie geschlagen und verhöhnt. Man zwang sie, laut zu singen: „Muss I denn, muss i denn zum Städtele hinaus“. Vom Bahnhof wurden sie dann nach Gurs in Südfrankreich deportiert.
 
Den Quellen konnte ich entnehmen, dass das Ehepaar Maier jedoch nach Mainz und nicht nach Gurs deportiert wurde. Eine Anfrage im Stadtarchiv Mainz ergab, dass die Meldekarte von beiden dort nicht mehr vorhanden sei. Ich konnte also nicht heraus-finden, wo Arthur und Irma die nächsten vier Monate verbrachten. Aus der neuen Datenbank von Yad Vashem erhielt ich die Information, dass Arthur am 22.02.1941 von Darmstadt (Nähe Mainz) nach Theresienstadt deportiert wurde und dort am 14. 09.1943, im Alter von noch nicht einmal 44 Jahren, starb. Ob er ermordet wurde oder an Krankheit und Entkräftung starb, muss offen bleiben.
 
Wahrscheinlich ist Irma Maier mit demselben Transport nach Theresienstadt deportiert worden. Sie gilt als verschollen.
 

Magalena Stockinger
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2005

 
 
 
Quellen:
Jüdische Stimmen, Martin Ruch
Adressbuch der Kreisstadt OG-1935, StAOG Antwortschreiben des Stadtarchivs Mainz Datenbank Yad Vashem

Bergheimer, Carlotte (geb. Brunschweig)

Foto: Staatsarchiv FreiburgCharlotte Bergheimer wurde am 15.6.1887 in Delémont in der Schweiz als Charlotte Brunschweig  geboren. Sie hatte laut ihrer Tochter Sophie eine große Verwandtschaft in Paris und auch Kontakt zu einer adligen Familie. So wie jedem Juden und jeder Jüdin wurde ihr in der Nazizeit der Zweitname Sara zwangsweise zugewiesen.

Mit ihrem Ehepartner Sigmund Bergheimer, den sie am 13.8.1911 geheiratet hatte, zog sie drei Kinder groß. Zunächst wohnte die Familie in der Stegermattstraße 6, wo sie ungefähr vier Jahre verbrachten.

Hier  kamen zwei Kinder zur Welt, Sophie (geb. 9.7.1912), die später als Modistin arbeitete und auch als einzige die Naziverfolgungen überlebte und Marx Manfred, geboren am 2.10.1914, der den Beruf des Kaufmanns erlernte.

Der erste Umzug fand im Jahre 1915 statt, die Familie zog in die Friedrichstraße 55. Kurz darauf kam hier das dritte Kind, Margot Carola geboren am 12. November 1915 zur Welt, die als Erwachsene wie ihr Bruder dann als kaufmännische Angestellte tätig war.

In einem Interview, das der Historiker Martin Ruch mit der Tochter Sophie, die nach ihrer Heirat Adler hieß, 1991 führte, erzählt Sophie von ihrer Kindheit. So hätten eines Tages SS-Leute vor der Wohnung gestanden und die ganzen Wertsachen der Familie mitgenommen. Wie Sophie weiter erzählte, hätte ihre Mutter Charlotte fest daran geglaubt, dass der Familie durch die Nazis nichts passieren würde. Doch am 22.10.1940 wurde die ganze Familie wie alle badischen Juden nach Gurs deportiert. Von dort wurden sie am 27.02.1941 weiter in das Lager Noe transportiert, danach trennten sich ihre Wege für immer. Charlotte  wurde über Toulouse und Drancy nach Auschwitz deportiert und dort in der Gaskammer ermordet. Ihr Todesdatum wurde nach dem Krieg vom Amtsgericht Offenburg auf den 8.5.1945, den Tag der deutschen Kapitulation, festgelegt. Dies geschah bei allen ermordeten Menschen, deren tatsächlicher Todestag nicht mehr festzustellen war.

Im Interview bestätigte Sophie, dass sie Zuflucht bei einer adligen Familie in Frankreich gefunden habe. Sie heiratete Max Adler und lebte in Paris. 1957 forderte sie für ihre ermordete Familie eine Entschädigung, doch es gab einen langen Rechtsstreit und viele Verzögerungen, die über viele Jahre andauerten.

Schließlich erhielt sie 6.600 DM vom Wiedergutmachungsamt zugesprochen. Dies ist angesichts dessen, was man ihr und ihrer Familie angetan hatte, beschämend.     

 
Jacqueline Werner
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2018/19

Ucko, Dr. Siegfried

Foto: PrivatbesitzSiegfried Ucko wurde am 7. November 1905 in Gleiwitz geboren. Er lernte dank großer Opfer seiner Eltern am staatlich-katholischen Gymnasium in Gleiwitz und trat im Alter von 12 Jahren der zionistischen Bewegung „Blau-Weiß-Gruppe“ bei. Die zionistische Denkweise, die er dort kennenlernte, prägte sein gesamtes späteres Leben.
Nach Beendigung des Gymnasiums studierte Ucko unter anderem in Berlin, Breslau und Königsberg Philosophie, Pädagogik und Kunstgeschichte. In Berlin war er Schüler Leo Baecks und Julius Guttmanns. 1927 – im Alter von 22 Jahren – erhielt er den Doktortitel in Königsberg. Nach dessen Erhalt nahm er 1928/29 an einer Fortbildung an der jüdischen Universität in Jerusalem teil. Von der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin erhielt er den Rabbiner-Titel verliehen.
Im Jahre 1929 wurde er zum akademischen Religionslehrer ernannt und kam als Jugendrabbiner nach Mannheim. 1932 wurde ihm aber dort gekündigt, da befürchtet wurde, dass er mit seiner zionistischen Einstellung schlechten Einfluss auf die Jugend habe.

Auf der Suche nach einer neuen Stelle wurde Ucko in Offenburg fündig und zog am 1932 zusammen mit seiner Frau Ruth, geborene Loew, nach Offenburg und wohnte (dann) ab dem 1. August in der Grimmelshausenstraße 20. Als Bezirksrabbiner war er für 27 Kleingemeinden verantwortlich und dies stellte wahrlich keine einfache Aufgabe dar, da es sich um eine weit verzweigte, vielgestaltige und vielschichtige Gemeinde handelte.
Dr. Siegfried Ucko brachte durch seine menschennahe Art frischen Wind in die Gemeinde, was wahrscheinlich auch an seinem jungen Alter (27 Jahre) lag. Sein Hauptaugenmerk lag auf der Jugend, die ihm schon immer ein wichtiges Anliegen war. Deshalb gründete er im Schwarzwald auch eine Jugendherberge als Erholungsstätte für die Jugend seiner Gemeinde.
Außerdem gründete er zusammen mit dem Friesenheimer Tierarzt Dr. Dreyfuss ein landwirtschaftliches Vorbereitungslager in Diersburg für die männliche jüdische Jugend. Das Lager sollte als Vorbereitung für ein neues Leben in Palästina dienen.
Ucko hatte auch immer ein offenes Ohr für seine Gemeinde und fand in dieser Zeit, in der Juden das Selbstbewusstsein geraubt werden sollte, aufrichtende Worte und stand seinen Gemeindemitgliedern bei. Er war für alle eine starke seelische Stütze und ermutigte sie (auch) dazu, trotz dieser Einflüsse von außen, ihren Glauben nicht zu verlieren.

1935 verließ Ucko zusammen mit seiner Frau und seiner neugeborenen Tochter Elisabeth Offenburg, um sich seinen Traum, nach Palästina auszuwandern, zu ermöglichen. Gleichzeitig vergaß er aber auch hierbei seine Aufgabe nicht: Er schaffte es, alle Jugendlichen seines Vorbereitungslagers nach Palästina zu holen und sie somit vor den Nationalsozialisten und dem Krieg in ihrem Heimatland zu schützen.
In Palästina war Ucko 11 Jahre lang im Rahmen der Jugend-Alijah (=Auswanderung der jungen Juden nach Palästina) tätig und leitete in dieser Zeit unter anderem zwei Kinderheime. Auch hier versuchte Ucko, sein Prinzip der Verbindung des jüdischen Glaubens mit dem alltäglichen Leben zu verbinden und an die Kinder weiterzugeben.
1946 begann für Ucko ein neuer Berufsweg, denn in diesem Jahr wurde  er als Lehrer für Pädagogik an ein Lehrerseminar in Tel Aviv berufen.

Fünf Jahre später (1951) wurde er zum Direktor des Lehrerseminars in Givath-Hashlosha ernannt. Während dieser Zeit, in der er das zuvor schlecht geführte Seminar auf Vordermann brachte, wurde er zudem Teilzeit-Lehrer für Pädagogik an der anerkannten Jerusalemer Universität und gründete außerdem ein Seminar für Sozialpädagogik.
Nach Gründung der Universität von Tel Aviv dozierte Ucko dort und wurde zusätzlich Inspektor für alle Lehrerseminare in Israel. Außerdem wurde er zum Leiter der Abteilung für Erziehungswissenschaften der Universität von Tel Aviv berufen.
Seine Arbeit wurde auch in Form von Preisen anerkannt: So erhielt er 1968 den “Jerusalem-Preis” und 1972 den “Preis für Erziehung” der Stadt Tel Aviv.

1967 starb Uckos Frau Ruth nach langer schwerer Krankheit und hinterließ ihren Mann mit ihren beiden Töchtern. Daraufhin trat Ucko immer mehr von seinen Aufgaben zurück.
Im Jahr 1969 heiratete Ucko erneut. Mit seiner aus Lahr stammenden zweiten Frau Ruth-Renate, geborene Ullmann, verband ihn eine besondere Geschichte: Ruth-Renate war eines der Kinder,  das er aus Deutschland  aus den Fängen des Nationalsozialismus  retten konnte.Am 10. August 1976 starb Dr. Siegfried Ucko nach schwerer Krankheit in Palästina. Zu seinem Tod sagte der Tierarzt Dr. Dreyfuss: “Mit Uckos Abberufung hat jeder verloren.”

Rebekka Schneider
Gedenkbuch im Salmen (Offenburg), 2013/2014