Reckendorf, Lilly

Reckendorf Lilly29.August 1889: Cäcilie Reckendorf , genannt Lilly (Lili), kommt als älteste Tochter von Frieda und Dr. Hermann Reckendorf in Heidelberg zur Welt.
 
1904: Als Kind jüdischer Eltern wird sie evangelisch getauft, um zusammen mit ihrem Bruder Otto eine Reise nach Russland antreten zu können , die jedoch nie stattfindet.
 
1907: Sie besucht die höhere Mädchenschule in Freiburg und legt dort das Examen für evangelische Religionslehrerinnen ab.
 
1909: Als erste Lehrerin in Hausen bei Lörrach nimmt sie ihren Dienst auf.
 
Juli 1925: Lilly Reckendorf wird zur Fortbildungshauptschullehrerin an der Mädchenfortbildungsschule Lahr, die der Friedrichschule angegliedert ist, ernannt und unterrichtet dort bis 1933.
 
Januar 1930: Sie nimmt für vier Wochen Dieter Roland bei sich auf, als dessen Vater Otto im Sterben liegt und kümmert sich intensiv um seinen Sohn. Der Kontakt zu Familie Roland hatte Lilly Reckendorf in ihrem Glauben entscheidend geprägt. Otto Roland war evangelischer Pfarrer und in der Jugendarbeit engagiert. Dieter Roland besucht die Luisenschule, wird später Kinderarzt in Lahr und ist der Spender des ersten Stolpersteins in Lahr für Lilly Reckendorf.[1]

7. April 1933: Als „Judenchristin“ fällt sie unter das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und erhält Berufsverbot wegen ihrer jüdischen Abstammung. Sie betrachtet sich selbst als vollwertige Christin und hat mit der jüdischen Bevölkerung wenig Kontakt.

22. April 1933: In ihrer Not wendet sie sich an den emeritierten Kirchenpräsidenten der evangelischen Landeskirche D. K. Wurth, der sich außerstande sieht „aufgrund der Überfremdung unseres Volkes“ [2]ihrem Anliegen zu entsprechen.

September 1933: Ihre Zwangspensionierung wird wirksam. Sie meldet sich in Lahr ab und kehrt in ihre Heimatstadt Freiburg zurück. In der Holbeinstr. 5 bewohnt sie ein Zimmer im Haus von Witwe Lenel und deren Tochter Berta. Beide sind ebenfalls jüdischer Herkunft. Lilly Reckendorfs Wohnung befindet sich unweit ihres Elternhauses in der Maximilianstr. 34.
 
Jahreswechsel 1939/40: Lilly Reckendorf besucht die drei Geschwister Roland in Grötzingen bei Nacht, die kurz zuvor Waisen geworden waren. Ihre Unterstützung bei der Auflösung deren Wohnung ist für lange Zeit ihre letzte Begegnung.

22. Oktober 1940: Zusammen mit über 6500 weiteren Juden aus Baden, dem Saarland und der Pfalz wird sie in das französische Konzentrationslager Gurs deportiert. Sie wird Sprecherin von Baracke 9. Es gelingt ihr, seelsorgerisch tätig zu werden und damit die unerträglichen Zustände des Lagerlebens zu mildern.[3]
Februar 1942: Drei Wochen vor Beginn der Transporte der Internierten in die Lager im Osten kann sie Gurs verlassen und ein Protestantenheim in den Cevennen, nahe der Loirequelle, beziehen. Ihr Weg führt sie in die französischen Alpen. Im  Kloster „Couvent de la Croix“ in Chavanod, Haute Savoye[4]hält sie sich für mehrere Monate auf.

22. Januar 1943: Lilly Reckendorf verlässt das Kloster. Mit Hilfe einer überkonfessionellen Pfadfindergruppe gelingt ihr die abenteuerliche Flucht über die französisch-schweizerische Grenze. Sie findet Zuflucht in der Rheingasse 76 in Basel.

1943-1946: Anhand von Tagebuchaufzeichnungen schreibt sie ihre Erinnerungen nieder und bereitet ihre Rückkehr nach Freiburg vor.

8. Mai 1946: Sie richtet Wiedergutmachungsansprüche Privatpersonen und Behörden betreffend an die Feststellungsbehörde in Freiburg. Diese wickelt erstere nur zögerlich ab.[5]

10. April 1947: Das Badische Ministerium des Innern stellt bei Lilly Reckendorf israelitische Konfession fest. Aufgrund des Reichsbürgergesetzes vom 25. November 1941 habe sie die deutsche Staatsangehörigkeit verloren. Ein Wiederaufleben derselben sei nicht zwangsläufig gegeben. Ihre Wiedergutmachungsansprüche verzögern sich weiterhin.

16. Juni 1948: Lilly Reckendorf verzichtet auf die Rückerstattung ihres zwangsenteigneten Elternhauses in der Maximilianstr. 34, das von Alfred Bea und seiner Frau käuflich erworben worden war. Ihm hatte Lilly Reckendorf von Basel aus Vollmacht erteilt, sie vor Gericht in ihren Wiedergutmachungsansprüchen zu vertreten.

1948: Sie kehrt nach Freiburg zurück und bewohnt eine kleine Wohnung in der Maximilianstr. 30. Für zwei Jahre nimmt sie ihren Beruf als Lehrerin nochmals auf.

4. Januar 1952: Vor der Restitutionskammer des Badischen Landgerichts in Freiburg schließen Lilly Reckendorf und die Eheleute Bea bezüglich des Elternhauses von Lilly Reckendorf eine gütliche Vereinbarung. Lilly Reckendorf erhält 4.400 DM als Abfindung. Weitere Ansprüche, die sie dem Staat gegenüber geltend machte wie ihre Zwangsenteignung, oder Gehaltseinbußen wegen Zwangspensionierung, bleiben weiterhin unbearbeitet.
 
April 1952: Lilly Reckendorf erkrankt schwer und erliegt einem Krebsleiden. Sie findet ihre letzte Ruhestätte im elterlichen Grab, das sich noch heute an der Westmauer des Freiburger Hauptfriedhofs befindet. Pfarrer Krastel, langjähriger Seelsorger der Christusgemeinde Lahr hält die Trauerrede. Zu ihm wie zu Familie Roland und weiteren ihr nahe Stehenden brach der Kontakt zeitlebens nicht ab.
 
 
Gardy Ruder
Initiative Stolpersteine in Lahr

[1]  Bericht in der Badischen Zeitung vom 03.Mai 2003, Ausgabe Ortenau
[2]  Akte Landeskirchliches Archiv, Generalie 3206
[3] „Wir gingen stumm und tränenlos“, veröffentlicht in „Allmende Nr. 45,  15. Jahrgang 1995, sowie „Alemannisches Judentum“, Hg.: Manfred Bosch; Edition Klaus Isele, Eggingen 2001
[4]   Unveröffentlichtes Manuskript, zweiter Teil ihrer Erinnerungen an die Deportation von Freiburg nach Gurs am 22. Oktober 1940 und die nachfolgenden Erlebnisse bis zu ihrer Flucht in die Schweiz 1943
[5]   Staatsarchiv Freiburg, Bestand F 200/7, Nr. 1255

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