Neu, Clementine

Clementine Neu wurde am 24. Februar 1886 in Wangen am Bodensee als Tochter von Nanette und Ludwig Wolf geboren. Sie hatte mehrere Geschwister, darunter Dr. Nathan Wolf, der in Offenburg seinerzeit ein sehr bekannter und angesehener Arzt war. Im Oktober 1902 trat sie in Basel in die höhere Töchterschule ein. Diese Schule ist heutzutage mit einem Mädchengymnasium vergleichbar. Dort besuchte sie dann u. a. 2 Jahre lang die Fortbildungsklasse der kaufmännischen Abteilung. Ihr Abschlussdiplom erhielt sie 1905. Während ihrer Ausbildung hier lernte sie Englisch, Französisch und Italienisch.

Im Jahr 1920 heiratete Clementine den 1874 geborenen Offenburger Kaufmann Emil Neu. In die Ehe brachte sie 25 000 Mark ein, zur damaligen Zeit ein kleines Vermögen, welches ihr Ehemann sogleich in sein Geschäft steckte.

Clementine war die zweite Ehefrau ihres Mannes. Sie musste sich daher auch um die Kinder aus seiner ersten Ehe kümmern: Um Erwin, geboren 31.5.1908, um Alice, geboren 22.9.1909, und um Erich, geboren 8.5.1912. Die Kinder genossen eine standesgemäße Erziehung: Erwin studierte wie seine Schwester nach dem Abitur Zahnmedizin und Erich arbeitete nach der Schule bei seinem Vater im Geschäft mit.

Im Jahr der Hochzeit, 1920, eröffnete ihr Mann eine Wäschefabrik in der Wasserstraße, in der Clementine mitarbeitete. Sie stand ihrem Mann bei der Führung des Geschäftes zur Seite und war dabei selbständig tätig. So überwachte sie die Angestellten, beschäftigte sich mit Kalkulationen, Korrespondenzen, Einkauf, Verkauf sowie Versand.

Zunächst wohnte das Ehepaar in der Ortenbergerstraße Nr. 46. Auf eine gute Wohnungseinrichtung legte Clementine sehr viel Wert. Auch hatten die Neus ein Dienstmädchen angestellt, welches sich um den Haushalt kümmerte und das Kochen besorgte. Nahezu jeden Tag fuhren Clementine und Emil mit dem Auto – damals ein ausgesprochener Luxusgegenstand – zur Arbeit ins Geschäft. Es ging ihnen sehr gut.

Nach der Machtübertragung an die Nazis bekamen die Neus allerdings schnell die Feindseligkeit der neuen Machthaber zu spüren: Ihr Geschäft wurde boykottiert, und die Einnahmen sanken mehr und mehr. Clementine brauchte immer weniger mitzuarbeiten. Kurz nach der Verhaftung ihres Mannes nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie von einem Bevollmächtigten der Leinenweberei Walter Clauß in Offenburg aufgefordert, das Geschäft zu verkaufen. Nur wenige Tage nach dem schrecklichen Pogromerlebnis, am 25.11.1938, verkaufte das Ehepaar seine Wäschefabrik weit unter Preis – die Nazis nannten das „Arisierung“.

Am 22. Oktober 1940 wurde das Ehepaar im Zuge der Aktion gegen pfälzische und badische Juden festgenommen und nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Überraschenderweise wurden die Beiden rund zwei Monate später im Dezember von dort in die Stadt Pau entlassen, doch nicht einmal ein Jahr später, am 6. August 1941, erneut in Gurs interniert. In dem Pyrenäenlager herrschten schreckliche Verhältnisse, u. a. mussten sie auf nassem Lehmboden schlafen. Während ihrer Zeit dort brach sich Clementine den Arm, was jedoch keine weiteren negativen gesundheitlichen Folgen nach sich zog. Am 31. März 1942 wurden sie und ihr Mann abermals entlassen. Dieses Mal konnten sie in die Schweiz fliehen, wo sie zwar auch für kurze Zeit in einem Lager interniert wurden, aber in der Sicherheit der Eidgenossenschaft das Kriegsende abwarten konnten. Im Januar 1943 zogen sie nach Stein am Rhein, wo bereits Clementines emigrierter Bruder Dr. Nathan Wolf und ihre Schwester Selma Wolf lebten.

Am 24. Dezember 1944 starb dort ihr Ehemann Emil. Schon bald danach war Clementine mittellos und auf stetige Unterstützung von Verwandten und Freunden angewiesen.
Im Juni 1947 konnte sie nach New York zu ihrem Stiefsohn Erich Neu ziehen. Hier lebte sie in bescheidenen Verhältnissen in der Greenvale Avenue im Stadtteil Yonkers. Im September 1951 verließ Clementine Amerika wieder und kehrte – wohl aus Heimweh – in ihren Geburtsort Wangen zurück.

Wegen des erlittenen Freiheitsentzuges, insgesamt 54 Monate und 17 Tage in verschiedenen Nazilagern, erhielt sie von der Bundesrepublik Deutschland Haftentschädigung. Heftiger Gelenkrheumatismus, der sich im Alter immer stärker bemerkbar machte, wurde hingegen nicht als eine Gesundheitsschädigung infolge der langen Haft anerkannt. Am 15. Dezember 1971 starb Clementine. Sie wurde in Kreuzlingen in der Schweiz neben ihrem Ehemann Emil Neu begraben.

 

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